Konzentriert schreiben und was Murmeltiere damit zu tun haben

Kürzlich hörte ich ein für mich sehr spannendes Buch, das mir einige erhellende Momente bescherte: „Deep Work“ von Cal Newport. Er befasst sich hierin mit den Umständen, die eine von tiefer  Konzentration geprägte Arbeitsweise begünstigen – oder hemmen. Der Untertitel der deutschen Ausgabe lautet bezeichnenderweise: „Regeln für eine Welt voller Ablenkungen“. Heute möchte ich meine Learnings mit dir teilen und sie auf unser gemeinsames Anliegen – das Schreiben von Texten – übertragen.

Nur noch ein Video …

Vorgestern dachte ich darüber nach, YouTube von meinem Handy zu löschen, weil ich geschlagene zwanzig Minuten lang einem Murmeltier dabei zugesehen hatte, wie es Möhren fraß. Ich habe diese Zeit als ungemein entspannend erlebt – immerhin. Allerdings hat dieses Video meine übliche Zubettgehzeit nach hinten verlagert, was einerseits meine Routinen stört und mich andererseits dringend benötigten Schlaf kostet, denn der Wecker klingelt so oder so um 5 Uhr.

Ich ertappe ich mich immer wieder dabei, dass ich mehr Zeit mit solchen Dingen „verschwende“, als ich mir vorgenommen habe. Damit will ich nicht sagen, dass der Konsum lustiger, lehrreicher oder ermutigender Videos überflüssig ist. Im Gegenteil: Ich lerne Spannendes aus aller Welt und bekomme Anregungen, die mir sonst verwehrt geblieben wären. Mich stört allerdings der „Suchtfaktor“, den diese Videos auf mich ausüben. Insofern kenne auch ich diese „Welt voller Ablenkungen“, denn die Videos lenken mich bisweilen von dem ab, was eigentlich anstünde, in dem Fall: schlafen.

Versenkung ade

Parallel erkannte ich, dass es mir auf Grund familiärer und beruflicher Umstände immer schwerer fiel, den Zustand der Versenkung zu erreichen, den konzentriertes Arbeiten erfordert. Darin bin ich normalerweise recht gut, habe diese Versenkung von klein auf genossen und sie so trainiert, dass sie zu einem Magisterabschluss mit der Note 1,0 und zahlreichen Veröffentlichungen geführt hat. Das dürfte beweisen, dass ich grundsätzlich in der Lage bin, mich gut zu konzentrieren und entsprechende Resultate zu erzielen.

Jetzt kommt das Aber: Ich musste immer mehr Energie dafür aufwenden. Wir alle kennen die Ablenkungen des Alltags, die unsere Aufmerksamkeit erfordern. Du wirst vermutlich selbst rasch eine Liste an Dingen und Umständen erstellen können, die dich von dem abhalten, was dein Ziel ist, in unserem Fall: ein Buch schreiben. Damit fallen diese ablenkenden Umstände in die Kategorie „Schreibflow-Verhinderer“.

Die Sache mit dem Flow

Der Schreibflow ist der Zustand, der Autor:innen eine befriedigende und produktive Zeit verschafft. Wenn du im Flow bist, fließen die Wörter nur so aus dir heraus. Du konzentrierst dich auf deine Geschichte oder fachlichen Sachverhalte, bist ganz beim Thema und nimmst nichts anderes wahr. Es geht rasch voran und du musst nicht um jedes Wort ringen, was dich wiederum optimistisch an die nächste Schreibsession denken lässt.

Doch auch andere – bisweilen ungeliebte – Aufgaben rund ums Schreiben und Veröffentlichen kannst du in einem Flow erledigen, zum Beispiel mehrere Posts für Instagram vorbereiten, die Buchhaltung und andere organisatorische Tasks erledigen, einen Newsletter oder die nächsten vier Blogartikel schreiben und terminieren.

Marketing ist etwas, was viele Autor:innen gerne vor sich herschieben. Meiner Erfahrung nach wird es leichter, wenn sich Erfolgserlebnisse einstellen. Und nein, damit meine ich keine Buchverkäufe, sondern das Gefühl, das sich einstellt, wenn man die Aufgabe in einem Rutsch – im Flow – zu Ende gebracht hat.

Mindset und so

Ein Beispiel: Im Februar ist mein Vertrag mit einem Distributor für mein Drehbuch „Ertrinkende Pflanzen auf Leinwand“ ausgelaufen. In der Konsequenz war das Buch seitdem nicht mehr am Markt erhältlich, zumindest als E-Book. (Print liegt hier und da und bei mir noch auf Lager.) Ich hätte den Umzug zu einem anderen Distributor bereits im Vorfeld anleiern oder aber zu irgendeinem Zeitpunkt innerhalb der vergangenen Monate erledigen müssen. Habe ich aber nicht. Warum? Weil ich den komplexen und zeitaufwändigen Vorgang scheute.

Vor allen den Satz des E-Books schob ich vor mir her, vermutlich deshalb, weil der Satz von „Tasche mit Herz“ so nervenraubend war und sich über Wochen hinzog. Mir lag nur eine PDF-Datei vor und ich musste händisch alle Absätze durchgehen. Und da ich den Text sowieso vor mir hatte, wollte ich ihn noch einmal komplett überarbeiten. Jetzt bin ich happy damit und habe den überarbeiteten Text für den Print-Buchsatz wieder an die Agentur Autorenträume gegeben.

Diese E-Book-Erfahrung hemmte jedoch meine Motivation, das nächste  Buch umzuziehen. Dabei war klar, dass ich inhaltlich nichts ändern müsste. Glücklicherweise lag mir auch eine freundlicheres Dateiformat vor, und als ich schließlich eines Abends die Energie fand, mich an den Satz zu machen, war die ganze Angelegenheit inklusive Upload und Veröffentlichung innerhalb von 75 Minuten erledigt.

Verrückt, oder? Wovor hatte ich mich wochenlang gefürchtet? Ich war wieder happy, und nicht nur das: Ich hatte einen Flow erlebt. Hochkonzentriert hatte ich mich dieser Aufgabe gewidmet, nachdem unsere jüngste Tochter ins Bett gegangen war, und hatte durchgezogen, obwohl ich platt von Arbeit, Haushalt und Familienzeit war. Doch nun war ich im positiven Sinne erschöpft, euphorisch und habe die erneute Veröffentlichung sogar spontan ein wenig mit meinem Mann gefeiert.

So geht Flow.

Was verhindert den Flow?

An meinem kleinen Beispiel siehst du zweierlei: Dass äußere Umstände UND das Denken den Flow-Zustand verhindern können, dass es aber unglaublich befriedigend ist, wenn der Zustand dann doch endlich eintritt.

Wenn es dir so geht wie mir, dann scheitert der Flow oft an unzusammenhängenden Zeitblöcken, die es erfordern, sich immer wieder aufs Neue in die Aufgabe eindenken zu müssen. Hereinprasselnde Anliegen anderer Menschen, das Aufbringen enormer Willenskraft bei nervigen Sachen – ich sage nur: Verpackungsregisterjahresendmeldung, hihi – und die Verlockungen moderner Medien tun ihr Übriges. (Gegen das Grundbedürfnis, die Wäsche erledigen oder das Bad noch grad putzen zu müssen, habe ich jahrelang angekämpft und widerstehe hier mittlerweile erfolgreich. Der Haushalt wird erledigt, wenn er dran ist, und das ist nicht während meiner Arbeits- oder Schreibzeit. Aber ich kann nachvollziehen, wenn das für dich noch schwierig ist.)

Mein Tipp: Identifiziere deine Flow-Verhinderer, ob nun aufs Schreiben oder andere Tasks bezogen. Und dann prüfe, was du unternehmen kannst, damit sie in Zukunft nicht mehr dazwischenfunken.

In meinem Fall ist das Löschen von YouTube keine Option, da ich mich über die Plattform über das Weltgeschehen informiere – also die Nachrichten unterschiedlicher Sender und Nachrichtenagenturen anschaue – und mich zu unterschiedlichen Themen weiterbilde. Allerdings habe ich ein festes Zeitfenster für „Daddelei“ eingeführt – und die Shorts meide ich komplett, da sie eine geradezu hypnotisierende Wirkung auf mich haben und ich eins nach dem anderen schauen kann, ohne zu merken, wie die Zeit vergeht. Dann lieber 20 Minuten geplant „Murmeltier beim fressen“ gucken und dabei bewusst entspannen. 🙂

Und dann schaffe ganz bewusst zusammenhängende Phasen konzentrierten Arbeitens. „Deep Work“ geht detailliert auf das Thema ein und ich kann es hier in der Kürze nicht wiedergeben, weshalb ich dir die Lektüre wärmstens empfehlen möchte. Durch Phasen konzentrierten Arbeitens wirst du aber sehen, dass sich mit der Zeit immer mehr Inseln der Ruhe ergeben werden und es mit deinem Buchprojekt oder anderen anstehenden Aufgaben endlich vorangeht – wo wie bei mir mit dem Drehbuch.

Du hast Fragen oder Anregungen? Dann schreibe mir an kerstin@21ufos.de

Literaturhinweis:

Cal Newport, „Deep Work“ (erschienen bei Redline unter dem Titel „Konzentriert arbeiten. Regeln für eine Welt voller Ablenkungen“ – auch als Hörbuch)

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Hilfe! Ich brauche ein Exposé

Im Autor:innenleben kommen wir immer mal wieder an den Punkt, an dem wir ein Exposé aus der Tasche ziehen müssen oder wollen. Ja, das gilt auch für Selfpublisher:innen: Auch für sie kann es sinnvoll sein, auf ein Exposé zu setzen. Fangen wir also mit folgender Frage an:

Warum brauche ich ein Exposé?

Vielleicht möchtest du dich bei einem Verlag oder einer Agentur bewerben oder an einer Ausschreibung teilnehmen. In diesem Zusammenhang ist mittlerweile vielen geläufig, dass meist ein Exposé zu übersenden ist. Doch wusstest du, dass das Exposé nicht nur ein Informationsblatt für die erste Person ist, die es erreicht, sondern auch Gesprächsgrundlage in größerer Runde sein kann? Dies ist dann der Fall, wenn dein Manuskript in die engere Auswahl kommt und beispielsweise in einer Konferenz vorgestellt wird. Ob ein Manuskript angefordert wird oder nicht, entscheidet nämlich nicht zwangsläufig ein Mensch alleine.

Auch kann dein Exposé Grundlage für die weitere Bearbeitung im Verlag sein, zum Beispiel bei der Gestaltung des Covers. Hier sind manchmal Details wichtig, die eventuell schon auf den Websites der Verlage und Agenturen oder der Ausschreibung zu entnehmen sind. Für meine Verlagsveröffentlichungen war beispielsweise die Angabe von Haar- und Augenfarbe wichtig, da daraufhin die Bilder für den Umschlag ausgewählt wurden. Vielleicht spielen bei dir auch andere Faktoren eine Rolle.

Tipp: Lies dir die Anforderungen genau durch und halte dich an die Vorgaben, damit es nicht an Details scheitert. Hast du direkten Kontakt zu Lektor:in oder Agent:in, frage nach, wenn etwas unklar ist.

Als Indie-Autor:in brauche ich sowas doch nicht …

Auch als Selfpublisher:in kann ein Exposé nicht schaden. Bei mir ist es bei jedem Projekt die Arbeitsgrundlage. Ohne ein Exposé tippe ich kein Wort. Da ich aber ein Plotter bin, möchte ich das nicht verallgemeinern. 🙂 Gehörst du zu den Bauchschreibern, empfehle ich dennoch, bestimmte Aspekte zu verschriftlichen, denn du kannst das Exposé als Selfpublisher:in zum Beispiel nutzen, um die Kommunikation mit Dienstleister:innen aus dem Bereich Illustration und Coverdesign zu vereinfachen: Sie lesen nicht dein komplettes Buch, wollen aber gerne wissen, worum es geht, wer die Zielgruppe ist und so weiter. Hier kann ein Exposé nützlich sein. Auch ein Waschzettel für den Buchhandel schreibt sich leichter mit einem Exposé im Rücken.

Hinweis: In diesem Blogpost habe ich mich mit kurzen Zusammenfassungen deines Textes beschäftigt. Darin geht es auch um Pitch, Kurzinhalt – und den sogenannten Waschzettel.

Was gehört in ein Exposé?

Ein paar Sachen sind absoluter Standard. Diese sollten in keinem Exposé fehlen. Dazu gehören:

  • Titel
  • Name / Pseudonym
  • Kontaktdaten
  • Genre
  • (geplanter) Umfang in Zeichen inkl. Leerzeichen oder Normseiten
  • Bearbeitungsstand / Status
  • Zielgruppe
  • Logline, Pitch oder Kurzinhalt (siehe hierzu den Blogpost zu Zusammenfassungen)
  • Inhaltsangabe inklusive Ende (siehe hierzu den Blogpost zu Zusammenfassungen)

Hinweis: Dein Titel ist ein Arbeitstitel. Er kann sich im Laufe des Prozesses auch im Selfpublishing ändern bzw. wird bei einer Verlagsveröffentlichung durch den Verlag festgelegt. Mit Glück kommt dein Wunschtitel durch, die Regel ist das aber nicht, da viele Aspekte hineinspielen.

Optional sind folgende Angaben, sofern sie relevant für dein Genre sind bzw. von Verlag/Agentur/Wettbewerbsausrichter so kommuniziert wurden:

  • Perspektive
  • Schauplatz
  • Tropes
  • Aufstellung der Figuren, ggf. mit Details mit Haar- oder Augenfarbe
  • kurze Vita
  • Foto
  • ggf. Werkverzeichnis

Da ein Exposé maximal drei Seiten umfassen sollte – eventuell weniger, wenn angegeben – erschließt es sich von selbst, dass hier in der Kürze die Würze liegt. Wähle klug aus, was relevant ist und was nicht. Und fülle die Seite nicht maximal mit Text, sondern lasse etwas Luft, damit sie gerne gelesen wird. 😉

Fazit

Du siehst: Es kommt auf den Einzelfall an. Informiere dich genau, was gefordert wird beziehungsweise welche Informationen du im Selfpublishing zusammentragen solltest, damit du gut mit anderen am Prozess Beteiligten zusammenarbeiten kannst. Nimm dir Zeit für die Arbeit am Exposé und siehe sie in jedem Falls als Gewinn an, denn du beschäftigst dich intensiv mit deinem Projekt, weißt danach, wohin du willst und kannst dich im Schreibprozess und während des Marketings immer wieder fragen: Bin ich noch auf Kurs? Marschiere ich in die richtige Richtung? Oder sollte ich etwas ändern? Von Projekt zu Projekt wird es dir leichter fallen, den Rahmen zu schaffen, die Infos zusammenzutragen. Und vielleicht macht es dir irgendwann sogar Spaß. So wie mir. 🙂


Kontaktiere mich jetzt, wenn du Unterstützung benötigst, eine Exposé-Beratung in Anspruch nehmen oder dein Exposé prüfen lassen möchtest. Ich kann auf mehr als vierzig Veröffentlichungen im Verlag zurückblicken, für die ich Exposés schreiben durfte, und habe als Lektorin etliche Autor:innen erfolgreich hierzu begleitet. Schreibe mir jetzt: kerstin@21ufos.de


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Was wir von Alice Munro lernen können

Nachdem wir erst kürzlich Paul Auster betrauern mussten, stehen wir erneut vor der Aufgabe, von einer großen Literatin Abschied zu nehmen: Alice Munro ist gestorben. Die kanadische Autorin und Nobelpreisträgerin verstarb am 13. Mai 2024 im Alter von 92 Jahren in Port Hope, Ontario, Kanada. Munro durfte ein langes Leben leben, das in literarischer Hinsicht viele Höhen bereithielt. Sie wurde vielfach ausgezeichnet, gehört zu den renommiertesten Autorinnen der Gegenwart. Leider konnte Alice Munro die Verleihung des wichtigsten Literaturpreises der Welt nicht mehr miterleben, da sie im Alter an Demenz erkrankte.

Sie ist eine meiner Lieblingsautor:innen und ich nehme ihren Tod zum Anlass, einmal genau hinzuschauen: Was können wir als Schreibende von ihr lernen? Was können wir uns abschauen, um selbst ein Lebenswerk aufzubauen?

Eine kleine Welt

Alice Munro schrieb – wie auch Paul Auster und Jane Austen – über das, was sie kannte: Ihre Erzählungen und Kurzgeschichten spielten überwiegend in Ontario. Dort kannte sie sich aus. Zwar reiste sie im Laufe der Jahrzehnte an alle möglichen Orte auf diesem Planeten, doch beim Schreiben blieb sie ihrer Heimat treu. Bei mehr als 150 veröffentlichten Kurzgeschichten finde ich das doch erstaunlich. Wenn du einmal in ihr Werk reinliest, dann wird dich vielleicht – wie mich – ein Gefühl des Da-seins überkommen: Ich sehe die flirrende Sommerhitze, tauche ein in eine vergangene Zeit, erlebe Kanada durch Alice Munros Augen.

Tipp: Was erlebst du? Wie sieht deine Welt aus? Welche Rituale, Selbstverständlichkeiten und Brüche gibt es? Vor welchen Herausforderungen stehen die Menschen dort, wo du gerade bist? Was ist das Besondere im (scheinbar) Normalen? Schau genau hin: Dies sind die Dinge, die du gut kennst und die für andere Menschen interessant sein können. Das kann keine KI übernehmen. Nur du.

Eine kurze Form

Munro erhielt den Nobelpreis für eine Textform, der üblicherweise kein großer Erfolg beschieden ist. Der Roman gilt ja als die Königsdisziplin des Schreibens. Doch Munro hat es anders gemacht: Sie entschied sich für die kurze Form, und das mit Erfolg: Zwischen 1968 und 2012 veröffentlichte sie 14 Sammlungen von Kurzgeschichten und avancierte damit zur Bestsellerautorin. Sie gilt als „Meisterin der Kurzgeschichte“, revolutionierte deren Form. Ihr erstes Buch war „Tanz der seligen Geister“, das auch in meinem Bücherregal steht und 1968 erstmals aufgelegt wurde. Damals war Munro 37 Jahre alt. Ihr letztes Buch erschien 2012: „Liebes Leben“. Wir können von ihr lernen, uns an ihren Texten erfreuen und ihre Entwicklung als Schriftstellerin nachvollziehen, vor allem, wenn wir chronologisch lesen. 

Tipp: Hier ist mal wieder zu sehen, was wir mit Beständigkeit erreichen können. Wer beständig am Ball bleibt, Seite um Seite füllt – auch in Form von Kurzgeschichten -, baut ein Lebenswerk auf.

Aus der Not heraus

Doch wie kam es dazu, dass sie sich auf das Schreiben von kurzen Texten fokussierte? Interessierten sie Romane nicht? Mitnichten. Sie versuchte sich sogar daran, doch als Mutter von vier Kindern in den Fünfzigern und Sechzigern schrieb sie, wann immer sich die Gelegenheit dazu bot – neben der Hausarbeit. Die fehlende Zeit mag ein Faktor gewesen sein – den ich als Mutter von drei Kindern auch kenne -, doch ich möchte sagen: Sie hatte einfach ihre Form gefunden. Sie goss das Leben, das sie umgab, in diese „Short Stories“, die sie letztlich berühmt machten.

Tipp: Dein Alltag lässt dir wenig Zeit, um an einem großen Projekt zu arbeiten? Dann versuche, es in seine Teile zu zerlegen und besonders kleinschrittig vorzugehen, oder probiere eine andere Textform aus: Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen, aber auch kurze Theaterstücke oder Drehbücher können eine Alternative sein. Sie sind keine reinen Fingerübungen, um auf den „großen Roman“ vorzubereiten, sondern haben einen Wert in sich. Mein Drehbuch „Ertrinkende Pflanzen auf Leinwand“ ist genauso Teil meines Lebenswerks wie mein Theaterstück „Ostf_ckland“.

Fazit

Alice Munro hinterlässt ein Werk, in dem sie ihre Zeit, ihren Ort für die Nachwelt in unvergleichlicher Weise konserviert hat. Berühmtheit war sicherlich nicht Alice Munros Goal. Sie wollte einfach nur schreiben. So hat sie – Schritt für Schritt, Seite für Seite – ein Lebenswerk geschaffen. Wir müssen nicht den Nobelpreis oder weltweite Bestseller anstreben – auch wenn wir es dürfen 😉 -, aber wir können uns abschauen, welche Schritte sie gegangen ist, um ihr Lebenswerk zu errichten. Und dann bauen wir an unserem: Wort für Wort, Seite für Seite.

Du hast Fragen oder Anregungen? Dann schreibe mir: kerstin@21ufos.de

Tipps zum Weiterlesen:

Artikel auf NDR.de

Artikel auf Deutschlanfunkkultur.de

Wikipedia

Nachruf beim S. Fischer Verlag

Autorenseite mit ihren Büchern – S. Fischer Verlag

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Hilfe! Ich muss meinen Text zusammenfassen

Du musst ein Exposé verfassen, möchtest deinen Roman in der Buchhandlung vorstellen oder den Klappentext für den Buchumschlag erstellen? Dann hast du eine Aufgabe vor dir, die viele Autor:innen vor Probleme stellt. In meiner täglichen Arbeit als Lektorin erlebe ich dies immer wieder. Heute möchte ich dir ein paar praxiserprobte Tipps an die Hand geben, damit dir die Zusammenfassung deines Textes leichter von der Hand geht.

Ein Satz genügt: die Logline

Manchmal hast du nur einen Satz, in den du den Inhalt deines Textes packen kannst. Eine ganze Story in ein bis zwei Zeilen. Schwierig? Schwierig! Dieser eine Satz – im Bereich Film auch als Logline bekannt – enthält die Quintessenz, das Herz, die Botschaft deines Textes. Du findest ihn zum Beispiel auf der zum Film gehörigen Seite eines Films bei Streamingdiensten. Der Satz soll dir den Film schmackhaft machen. (Manchmal wird der Begriff „Logline“ mit „Pitch“ gleichgesetzt, der allerdings etwas umfangreicher ausfallen darf. Daher behandle ich ihn separat.)

Die Logline ist essentieller Bestandteil meines Schreibens. Wenn ich einen Stoff entwickle, schreibe ich die Logline zum Projekt auf eine Karteikarte und hänge sie an meine Pinnwand, damit ich sie stets im Blick habe. So kann ich zwischendurch immer prüfen, ob ich noch auf Kurs bin oder mich verlaufen habe. (Ich kann auch eine Geschichte aus einer Logline heraus entwickeln, aber das bietet genug Stoff für einen eigenen Artikel. 😉 )

Dabei geht es zunächst einmal darum, in Worte zu fassen, worum es in deiner Geschichte geht. Einfach? Gar nicht! Manchmal sind Autor:innen so tief im Text, dass sie tatsächlich nicht benennen können, was der Kern ihrer Geschichte ist. Was ist wichtig, was nicht? Welche Informationen müssen unbedingt hinein?

Hier ein paar Beispiele:

Der Herr der Ringe (J. R. R. Tolkien)

Der Hobbit Frodo muss gemeinsam mit seinen Gefährten ihre Welt Mittelerde vor dem bösen Herrscher Sauron retten.

Harry Potter (J. K. Rowlings)

Ein Zauberschüler und seine Freunde stellen sich ihren Ängsten und Lord Voldemort.

Feuer und Stein (Outlander, Diana Gabaldon)

Eine Frau landet in der Vergangenheit und muss sich zwischen der Liebe zu einem attraktiven Schotten und der Rückkehr in ihre Zeit entscheiden.

Wie würdest du diese Bücher in einem Satz zusammenfassen? Probiere es aus!

Hinweis: Der eine Satz darf nicht gebildet werden, indem man einfach mehrere Sätze mit Kommas verbindet. 😉 Versuche es so lange, bis du tatsächlich bei einem einzigen Satz landest. Und: Dieser Satz ist nicht in Stein gemeißelt. Probiere aus, welcher gut ankommt.

Tipp: Wenn du bei deinem eigenen Text alleine nicht weiterkommst, frage eine:n Testleser:in oder deine:n Lektor:in um Rat. Sie haben genug Distanz zum Text, um ohne emotionale Beteiligung urteilen zu können, kennen ihn aber gleichzeitig gut und können dich beraten. Im Gespräch mit jemandem, der den Text kennt, kann der Kern dann freigelegt werden.

Der Pitch weckt die Neugier

Der Pitch – manchmal mit Logline gleichgesetzt, was es nicht einfacher macht, i know – ist etwas länger und darf durchaus bis zu drei Sätze umfassen. Es handelt sich dabei um eine kurze Vorstellung des Projekts. Der sogenannte „Elevator Pitch“ ist dir vielleicht schon einmal begegnet: Stelle dir vor, du hast den Zeitraum einer Aufzugfahrt, um einer wichtigen Person dein Projekt vorzustellen. Es erschließt sich von selbst, dass hier die Kürze entscheidend ist, in der dennoch alles Relevante vermittelt werden muss. Frage dich: Was macht mein Buch aus? Welche Figuren müssen erwähnt werden? Brauche ich unbedingt die Namen? Was ist die Botschaft, das Thema?

Kurzinhalt – oder Kurzpitch?

Kürzlich las ich in einer Ausschreibung den Begriff „Kurzpitch“. Das halte ich für verwirrend, denn ein Pitch ist per se kurz. Die Länge wurde mit einer halben Seite angegeben – was ich wiederum für einen Pitch recht lang finde. Ich würde dies eher als „Kurzinhalt“ bezeichnen, eine kurze Inhaltsangabe, da dieser „Kurzpitch“ auch das Ende beinhalten sollte – was ein Pitch nicht zwangsläufig tut! Im Gegenteil wird beim Pitch oft das Interesse geweckt, indem das Ende gerade nicht genannt wird.

Beim Verfassen eines Kurzinhalts hast du schon etwas mehr Spielraum. Du kannst die Figuren mit Namen vorstellen, etwas zum Weltenbau mitteilen. Der Kurzinhalt ist maximal eine halbe Seite lang, gerne kürzer. Wichtig ist hierbei, dass das Ende enthalten ist. Dieses spielt für die Entscheidung, ob ein Projekt Interesse weckt und das ganze Manuskript angefordert wird, oft die entscheidende Rolle. Manchmal möchte der Verlag auch mitreden. Ist dir das Ende noch nicht bekannt, benenne die möglichen Optionen.

Tipp: Wenn du auf eine Ausschreibung reagierst, dein Text angefordert wird oder du ein Exposé einreichst, lies dir die Anforderungen genau durch. Du siehst, dass Menschen unter „Pitch“ ganz unterschiedliche Dinge verstehen können: von „ein Satz“ bis „halbe Seite“, mit Ende oder ohne usw.

Die klassische Inhaltsangabe

Eine komplette Inhaltsangabe fasst alle Aspekte deiner Geschichte und alle Handlungsstränge zusammen. Anfang, Mittelteil und Schluss können ausführlich besprochen und die wichtigen Figuren vorgestellt werden. Die Länge dieser Inhaltsangabe richtet sich nach dem dir zur Verfügung stehenden Platz – ein Exposé ist inklusive aller Bestandteile wie Nennung des Genres, des Umfangs etc. maximal drei Seiten lang! – und den Anforderungen, die zu erfüllen sind.

Tipp: Setze niemals allein auf eine Inhaltsangabe, sondern stelle einen Pitch oder Kurzinhalt voran, der schnell zu lesen ist und neugierig macht. Bei Bedarf kann die komplette Inhaltsangabe gelesen werden, aber so viel Zeit – und Lust – hat nicht jede:r.

Hinweis: Manchmal wird eine separate Aufstellung der Figuren angefordert. Bei meinen Verlagstiteln war hier sogar die Augen- und Haarfarbe relevant, da aufgrund dieser Informationen das Cover gestaltet wurde. Bei einer allgemeinen Bewerbung musst du nicht so ins Detail gehen. Konzentriere dich auf die relevanten Informationen.

Beim Klappentext wird’s tricky

Manchmal lese ich in Exposés die Bezeichnung „Klappentext“ für eine kurze Zusammenfassung der Geschichte. Hier liegt eine Verwechslung vor: Der Klappentext ist ein Verkaufstool und befindet sich hinten auf dem Buchumschlag. Er soll die Geschichte verkaufen. Das soll natürlich auch der Pitch, mit dem man die wahnsinnig erfolgreiche Verlegerin im Aufzug beglückt ;-), jedoch ist der Adressat ein anderer: Der Leser, die Leserin hat andere Bedürfnisse, soll durch den Klappentext zum Blick ins Buch animiert werden. Die Gestaltung eines Klappentexts fällt somit in den Bereich Marketing. Dabei gibt es natürlich Überschneidungen, denn die Geschichte beziehungsweise der Sachtext ist ja derselbe. Dennoch liegt hier der Teufel im Detail: Der Klappentext kann kurz oder lang sein, hat manchmal eine Logline als Überschrift – die in diesem Zusammenhang verwirrenderweise manchmal Untertitel genannt wird – oder eine aussagekräftige Abschlusszeile, enthält aber niemals das Ende.

Hier als Beispiel der Klappentext meines queeren Liebesromans „Tasche mit Herz“:

Wenn eine Liebe zu lange auf die Probe gestellt wird, genügt ein Funke – und alles brennt!

Janna liebt Stefan, kann aber nicht mehr mit ihm leben. Stefan hat den Kontakt zu seiner Familie verloren und sucht außerhalb sein Glück. Heike wünscht sich eine funktionierende Beziehung, kann aber weder Mann noch Frau lange halten.

Als Janna zu ihrer Mutter nach Ostfriesland flüchtet und Heike nach vielen Jahren wiedertrifft, löst diese Begegnung eine Folge von Ereignissen aus, die alle Beteiligten zwingt, sich der eigenen Wahrheit zu stellen.

Eine queere Lovestory über Neuanfänge und den unbedingten Glauben an sich selbst

Tipp: Durchwühle einmal dein Bücherregal und schaue dir die Klappentexte an: Erkennst du Parallelen? Was spricht dich besonders an? Welche Konventionen gibt es in bestimmten Genres? Wende deine Erkenntnisse auf deinen eigenen Klappentext an.

Hinweis: Als Verlagsautor:in hast du eventuell keinen Einfluss auf den Klappentext. Als Selfpublisher:in liegt die Erstellung bei dir, was dir aber auch die Möglichkeit gibt, über den Text zu entscheiden und gegebenenfalls einen anderen auszuprobieren.

Der Waschzettel kommt ohne Wasser aus

Vielleicht hast du schon einmal den Begriff Waschzettel gehört. Manchmal wird er synonym mit dem Begriff Klappentext verwendet, umfasst aber in der Regel mehr: Auf einem Blatt werden die wichtigsten Informationen zu einem Buch zusammengefasst. Rezensenten erhalten ihn beispielsweise gemeinsam mit dem Buch, er kann aber auch hilfreich im Kontakt mit Buchhandlungen sein. Auf diesem einfach oder doppelseitig bedruckten Blatt befinden sich das Cover oder eine Abbildung des Buches, der Titel, der Klappentext, das Format und der Umfang, die Bezugsinformationen, eventuell eine kurze Vita – mit oder ohne Foto – des Autors oder der Autorin, eine Textprobe und was dir sonst noch wichtig erscheint. Auch hier: Viel Platz hast du nicht. 🙂

Hinweis: Der Waschzettel wird in der 3. Person formuliert.

Fazit

Mache dir klar, aus welchem Anlass du die Geschichte zusammenfasst: Bei einer Verlagsbewerbung ist dein Exposé mit Zusammenfassung Grundlage für die weitere Bearbeitung, zum Beispiel in Zusammenarbeit mit einem Coverdesigner. In einer Konferenz wird vielleicht auf Grundlage deines Exposés abgewogen, ob dein Projekt angekauft werden soll. Eine Jury fasst deinen Titel eventuell bei einer Ausschreibung in die engere Wahl. Verfasse daher eine Zusammenfassung, die genau auf die jeweiligen Bedürfnisse ausgerichtet ist. Eine Einheitslösung gibt es leider nicht. Das macht es jedoch auch so spannend und kann für dich immer wieder einen Lernanreiz bieten, besser zu werden. Je öfter du deinen Text zusammenfasst, desto leichter wird es dir fallen.

Du hast Fragen oder Anregungen? Dann schreibe mir an: kerstin@21ufos.de.

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Was wir von Paul Auster lernen können

Am 30. April 2024 ist der amerikanische Schriftsteller Paul Auster im Alter von 77 Jahren einem Krebsleiden erlegen. Auch hier in Europa ist er sehr bekannt. Er gehört zu meinen absoluten Lieblingsautoren, weshalb mich sein Tod sehr traurig macht.

Aber du kennst mich und weißt, dass ich aus allem, was einem im Leben passiert, auch Hoffnung schöpfen kann. Was ich dir und mir mitgeben möchte, ist das, was Paul Auster uns hinterlassen hat. Ich möchte mir sein Leben und Werk anschauen und was wir als Autor:innen daraus für unsere Arbeit, unser Leben lernen können.

Wer war Paul Auster?

Vielleicht hast du noch nichts von ihm gehört oder gelesen. Deshalb möchte ich ihn dir erst einmal vorstellen:

Paul Auster wurde 1947 in Newark, New Jersey, geboren. Er war der Sohn jüdischer Einwanderer und wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Er hat in seinem Leben 16 Romane und etliche andere Texte veröffentlicht und hat sich auch immer wieder dem Film zugewandt. Seine Bücher sind seit 1989 im Rowohlt-Verlag erschienen. (Hier geht es zum Nachruf.) Fast alle Texte spielen in seiner Wahlheimat New York, in der Stadt, in der er mit seiner Frau Siri Hustvedt gelebt hat. Zu seinen bekanntesten Werken zählen „Mond über Manhatten“ und „4 3 2 1“, sein Opus magnum. Er hat sich aber auch mit biographischen Arbeiten beschäftigt. Sein zuletzt erschienener Roman ist „Baumgartner“.

Tipp: Mein persönliches Lieblingsbuch von Paul Auster ist „Nacht des Orakels“. Es beschäftigt mich immer wieder und ich habe es mehrfach gelesen. Wenn du in die Paul-Auster-Welt einsteigen möchtest, empfehle ich diesen Zugang.

Paul Auster hat also ein beeindruckendes Lebenswerk hinterlassen. Was können wir daraus lernen?

Über den Output entscheidest du

Paul Auster war kein Schriftsteller mit einem wahnsinnig hohen Output. Er hat keine sechs Bücher im Jahr veröffentlicht. Dieser sehr hohe Output ist etwas, was uns immer wieder suggeriert, immer wieder an uns herangetragen wird: dass man sehr viel produzieren soll oder muss, wenn man am Markt bestehen möchte.

Natürlich waren es andere Zeiten, in denen Auster angefangen hat, zu schreiben. Aber: Wenn es um das Thema Output geht, mache dir einmal bewusst, dass es Autor:innen gibt, die eine Seite am Tag schreiben.

Zu denen gehörte Paul Auster.

Er hat mit der Hand in ein Notizbuch seine Geschichte geschrieben. Er hat sich dafür zurückgezogen und sie erst später, wenn die Geschichte fertig war, mit einer Schreibmaschine abgetippt. Behalte das einmal im Hinterkopf oder rufe es dir in Erinnerung, wenn du mal wieder das Gefühl hast, für dein schriftstellerisches Arbeiten sei es notwendig, ganz viele Seiten zu produzieren.

Das ist es nicht.

Es ist nötig, dass du die Seiten schreibst, die für dich wichtig sind; dass du herausfindest, was der Output ist, der zu dir passt.

Und was wir uns auch in Erinnerung rufen dürfen, ist, dass man mit einer Seite am Tag ein Lebenswerk schaffen kann. Diese eine Seite am Tag ergibt – wenn du dich wirklich jeden Tag dran setzt – 365 Seiten im Jahr. Damit kann man ein Lebenswerk aufbauen. Insofern: Output ist nicht alles. Es ist das Entscheidende, dass du die Menge an Zeichen, Wörtern, Seiten findest, die zu dir und deinem Schreiben passt.

Hingabe ans Schreiben

Der nächste Punkt, den ich beleuchten möchte, ist die Hingabe, mit der Paul Auster sich dem Schreiben gewidmet hat. Er hat schon als Kind angefangen, Gedichte zu schreiben und das Schreiben für sich entdeckt und erobert. Er hat unter anderem Anglistik studiert und sich dem Schreiben „verschrieben“.

Das Schreiben ist aber auch Teil seines Werks, denn er hat schreibende Protagonisten und hat über das Schreiben geschrieben, über das Schriftsteller-Sein und was das Schreiben mit uns macht, psychisch und physisch; was es bedeutet, nicht schreiben zu können, und wie entscheidend ein schönes Notizbuch ist. 😉 Ich glaube, dass Paul Auster viel von dem hineingelegt hat, was ihn als Schriftsteller ausgemacht hat.

Zufall muss man können

Etwas, für das Auster auch bekannt ist, sind die Zufälle in seinen Geschichten. Zufälle sind üblicherweise schwer zu schreiben und nur dosiert einzusetzen, da sie – „deus ex machina“ – wie der Eingriff einer höheren Macht wirken können. Paul Auster wird auch als „Meister des Zufalls“ bezeichnet, weil er diese Zufälle und schicksalhaften Begegnungen so meisterhaft miteinander verknüpft hat, dass es technisch und stilistisch nicht aufstößt, einen rausreißt oder gekünstelt wirkt.

Tipp: Wenn du dich mit dem Thema Zufall – und wie man Zufälle vernünftig in eine Geschichte einfügen kann – beschäftigen möchtest, dann ist Paul Auster die erste Adresse.

Experimente wagen

Paul Auster hat auch ungewöhnliche Dinge gemacht: In „Nacht des Orakels“ hat er beispielsweise einen separaten Handlungsstrang bzw. einer separate Geschichte in die Fußnoten gepackt. Das finde ich an dieser Geschichte besonders reizvoll. Das ist schon eine ungewöhnliche Herangehensweise, die ich aber sehr gelungen fand. (Das Thema „Geschichte in der Geschichte“ findet sich bei Auster sowieso immer wieder und er beherrschte es kunstvoll.)

Die Geschichten liegen auf der Straße

Paul Auster Geschichten fanden vor der Haustür statt. Seine Geschichten spielen überwiegend in New York, in dem Umfeld, in dem er sich auskannte. (In dem Zusammenhang möchte ich auch auf Jane Austen hinweisen, die ja auch über das schrieb, was sie kannte.

Manchmal ist es nicht so leicht, den Blick auf das zu richten, was man vor der Nase hat. Aber genau dort findet das Leben statt. Es ist das Leben, das wir kennen, mit authentischen Figuren und Abläufen – und das ist es, was für Leser:innen interessant sein kann, weil sie es nicht kennen. Ich kenne New York nicht, war nie in Brooklyn. Ich kenne Paul Austers New York aus den Achtzigern und Neunziger nicht, aber er macht es in seinen Büchern lebendig, und damit ist es für mich eine exotische Welt.

Tipp: Man muss nicht bis ans Ende der Welt reisen, um gute Geschichten zu erzählen. Da, wo du lebst; das, was dir passiert, kann für einen anderen Menschen „exotisch“ sein, weil er oder sie es nicht kennt. Wenn du das Gefühl hast, dass in deinem Wohnort nichts passiert, dass es langweilig ist, dann schau dir trotzdem einmal an, wie es bei dir ist; was bei dir passiert; was das „normale Leben“ ausmacht. Es kann für jemand anderen etwas ganz Besonderes sein.

Zum Werk gehört alles

Zuletzt möchte ich dir ans Herz legen, auch das ernst zu nehmen, was du außerhalb der großen Romane, die du schreibst oder schreiben möchtest, so produzierst: deine Tagebücher, Notizen, Kalenderseiten, Klebezettel, Karteikarten, Szenenumbrüche, Exposés und so weiter. All das kann interessant sein; all das kann für Leser:innen, die dein Werk später entdecken, spannend sein. Behalte diese Dinge. Schmeiße sie nicht weg, wenn du ein Projekt beendet hast. Leg sie in eine Kiste, gib sie in eine Klarsichthülle, einen Ordner. Wer weiß, wofür du es später noch einmal verwenden kannst oder ob sich die Nachwelt, die Forscher:innen später einmal für dein Lebenswerk interessieren – so wie bei Paul Auster.

Fazit

Du siehst: Wenn man sich dem Lebenswerk eines Autors zuzuwenden möchte, den man vielleicht noch nicht kennt, bieten sich viele Zugangswege. Hoffentlich konnte ich dir heute einen meiner Lieblingsautoren näherbringen und dir etwas für dein Schreiben mitgeben.

Meine Leseempfehlungen:

  • Nacht des Orakels
  • Das Buch der Illusionen
  • Mond über Manhatten
  • Winter-Journal
  • Von der Hand in den Mund

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