Schreiben ist ein Handwerk

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Schon mal einen Handwerker bei der Arbeit beobachtet? Da sitzt jeder Handgriff. Nicht nur das Werkzeug hat Profiqualität, sondern auch die Bewegungsabläufe. Wenn ich als Laie ein Zimmer streiche, brauche ich gefühlt ewig, während eine gelernte Malerin ratzfatz fertig ist. Wenn ich versuche, eine Wand zu verputzen, landet mehr auf dem Boden als an der Wand. Ein Verputzer erledigt das nicht nur schnell, sondern auch so, dass hinterher keine Unebenheiten da sind. An Silikonfugen im Bad versuche ich mich gar nicht erst.

Es mag an meiner mangelnden handwerklichen Begabung liegen – die ich natürlich als Kind aus einer Handwerkerfamilie nicht zugebe. Ich liebe es sogar, mit den Händen zu arbeiten. Früher habe ich viel genäht und mich jahrelang gegrämt, nicht Schneiderin geworden zu sein. Vielleicht ist mir der handwerkliche Aspekt des Schreibens deshalb besonders bewusst. Ich schreibe und veröffentliche seit dreißig Jahren und habe dieses Handwerk von der Pike auf gelernt. Und ich kann sagen: Nein, es ist keine Frage der Begabung, sondern der Übung! Gute Handwerker:innen haben gelernt, was sie tun. Sie wurden angeleitet, und sie haben das, was sie heute gut können, immer und immer wieder ausgeführt, bis alles saß. Die Malerin hat eine Ausbildung gemacht, theoretische und praktische Fertigkeiten erlernt und geübt, geübt, geübt. Im Laufe der Jahre erarbeitete sie sich so eine Routine.

So ist es auch mit dem Schreiben: Was dir heute schwerfällt, wird dir in einigen Monaten leichtfallen, wenn du es immer wieder ausführst. Du hast heute Schwierigkeiten, spannende Dialoge zu schreiben oder deine Figuren dreidimensional zu gestalten? Es fällt dir schwer, deine Geschichte durch Absätze zu gliedern oder „Show, don’t tell“ zu beherzigen? Wenn du dich immer wieder mit diesen Aspekten beschäftigst und dich zu diesen Themen weiterbildest – und vor allem: regelmäßig schreibst! – wirst du irgendwann an einem Punkt ankommen, an dem es „fließt“; an dem plötzlich leicht ist, was bislang unmöglich schien. Du hast das Schreiben trainiert und musst nicht mehr über jede Kleinigkeit nachdenken, sondern gerätst in den berühmten Schreibflow – bei dem dann tatsächlich auch was Brauchbares herauskommt.

Heute wollen wir uns also mit dem handwerklichen Aspekt des Schreibens beschäftigen und wie du ihn berücksichtigen kannst, und zwar dauerhaft – denn das Lernen hört dabei niemals auf. ♥ 

Üben, üben, üben

Ich wünschte, ich könnte dir einen einfacheren Weg nennen. Einen, der weniger zeit- und kräfteraubend ist. Wenn es ihn gäbe, würde ich dir jetzt einen Zaubertrank reichen, der – schwups – dafür sorgt, dass du alles Wissen und Können rund ums kreative Schreiben verinnerlicht hast.

Gibt es leider nicht.

Es gibt keine Abkürzung, keinen einfachen Weg und leider keinen Zaubertrank. Es gibt nur eines: Arbeit. Schreiben ist ein Handwerk, und gut wird man darin nur, wenn man sich immer wieder mit den theoretischen Grundlagen beschäftigt – und übt, übt, übt. Das kostet Zeit und Nerven und unter Umständen auch Geld.

Sorry.

Keine Begabung? Keine Ausrede!

Nachdem wir das geklärt haben, zum Positiven: Man kann das lernen. Wenn du dich tatsächlich fortlaufend mit den theoretischen Grundlagen beschäftigst, mal einen Schreibratgeber liest oder auch einen Kurs besuchst – wie zum Beispiel den von mir und der Agentur Autorenträume -, und das Gelernte regelmäßig anwendest, am besten täglich, dann wird deine Beharrlichkeit Früchte tragen. Hole dir hierzu Feedback ein und arbeite damit. Sieh es nicht als negative Kritik, sondern als Möglichkeit, dich weiter zu verbessern. Auch negative Rezensionen können dann sogar hilfreich sein, wenn sie Hinweise auf Verbesserungsmöglichkeiten enthalten. Du kannst dir Hilfe bei Profis wie mir suchen, dir einen Schreibbuddy suchen oder dich einer Autorengruppe anschließen. Oder alles zusammen. Mach das, was Zeit, Lust und Geldbeutel zulassen und für dich passt.

Aber: Bleibe am Ball. Ich bin ein großer Freund davon, sich wirklich täglich mit dem Schreiben zu beschäftigen. Das bedeutet nicht, dass du jeden Tag zwei Stunden ins stille Kämmerlein verschwinden musst. Es kann auch bedeuten, einen Podcast zum Schreiben zu hören – zum Beispiel meinen, hehe -, beim Lesen auf den Spannungsbogen zu achten oder immer einen kleinen Block und Stift dabei zu haben, um Ideen sofort notieren zu können. Es gibt so viele Anlässe und Möglichkeiten, das Schreiben ins Leben zu integrieren. Diese kleinen Schritte machen aber den entscheidenden Unterschied. sie sind der Grund, warum manche besser werden und manche ewig auf dem gleichen Stand verharren.

Kein Bock auf Kritik? Doch!

Eine Voraussetzung ist dabei allerdings, dass du dich entscheidest, Kritik anzunehmen und dazulernen zu wollen. Wenn du auf dem Standpunkt stehst, bereits alles zu wissen, wird es schwierig. Wie gesagt: Auch ein Textprofi wie ich hat nie ausgelernt. Wär mir auch ehrlich gesagt zu langweilig. Wenn es so wäre, würde ich mir vermutlich einen neuen Beruf suchen. 😉

(Allerdings musst du Kritik nicht ungefiltert annehmen. Manchmal ist es sogar ganz klug, sie zu ignorieren. Warum, erfährst du hier.)

Und nochmal: Üben, üben, üben!

Kommen wir zur konkreten Umsetzung. Was kannst du tun, um das Schreibhandwerk zu lernen? Hier eine unvollständige Liste. Picke raus, was für dich passt.

  • Lies einen Schreibratgeber. Frage befreundete Autor:innen, welchen sie empfehlen können. Schau aber auch nach deinen konkreten Bedürfnissen.
  • Besuche einen Kurs in Präsenz, zum Beispiel an einer VHS. (Dort habe ich auch schon unterrichtet.) Der Vorteil ist, dass du dich an deinem Wohnort mit Gleichgesinnten vernetzen kannst.
  • Belege einen Onlinekurs. Die gibt es in jeder Preiskategorie und zu den unterschiedlichsten Themen. Der Vorteil ist, dass du zeitlich und örtlich unabhängig bist.
  • Nimm eine Schreibberatung in Anspruch, wenn du an einem konkreten „Problem“ arbeiten möchtest. (Bei mir kostet eine solche Beratung aktuell 35 Euro je halbe Stunde. Schreibe mir an kerstin@21ufos.de für weitere Infos.)
  • Suche dir einen Schreibbuddy und/oder schließe dich einer Autorengruppe an. Wenn du anfängst, dich auf einer Plattform deiner Wahl oder in freier Wildbahn zu vernetzen, wirst du auf Menschen treffen, die dir sympathisch sind, mit denen du auf einer Wellenlänge bist. Trau dich: Sprich sie an!
  • Lies analytisch. Nimm deine liebsten Romane oder Sachbücher aus dem Regal und lies mit den Augen eines Schriftstellers: Warum gefallen sie dir so gut? Was hat der Autor oder die Autorin besonders gut gemacht? Und: Was kannst du von ihm oder ihr lernen?
  • Schreibe täglich. Das muss nicht am Schreibtisch sein. Es bedeutet, dass du dich täglich mit deinem Projekt verbindest, gedanklich am Plot und deinen Figuren feilst, Notizen machst, auch als Sprachnotiz, oder dir vielleicht eine Zeichenzahl als Tagesziel setzt. (Meiner Erfahrung nach kann dies aber auch unter Druck setzen, und sofern du keine Deadline hast und merkst, dass das nichts für dich ist, lass es bleiben.) Finde deine Art zu schreiben, deinen Style. Das kann kein anderer. Nur du.
  • Und zu guter Letzt: Akzeptiere das Unvollkommene. Vielleicht ist deine Schreibe noch nicht so, wie du sie dir vorstellst. Vielleicht fließen die Wörter noch zäh aus dir heraus. Vielleicht prokrastinierst du mehr als du produzierst. Alles okay. Es wird nicht über Nacht gut werden. Aber es wird besser werden. Jeden Tag ein bisschen.

Hast du Fragen oder möchtest du mir etwas sagen? Dann schreibe mir an kerstin@21ufos.de eine E-Mail.

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Ein Kapitel beenden

Nein, im heutigen Blogpost geht es nicht darum, einen Lebensabschnitt zu beenden, die Türen zu schließen und von dannen zu ziehen. Wir wollen heute nichts hinter uns lassen, sondern etwas so gut wie möglich abschließen: ein Kapitel im Roman.

Ich teile dabei sowohl meine persönlichen Erfahrungen mit dir als auch solche, die ich beim Lektorieren gewonnen habe. Denn dies ist eine Sache, die mir immer mal wieder begegnet: Ein Kapitel ist wunderbar geschrieben, doch am Ende fehlt ein schöner Ausklang, ein Abschluss oder eine Überleitung zum nächsten Kapitel. Der oder die Leser:in „hängt in der Luft“. Das ist nicht schlimm, denn dafür ist das Lektorat ja da. 😉 Du kannst aber auch selbst aktiv werden und während des Schreibprozesses oder der Überarbeitung auf die Enden der Kapitel achten.

Was macht eigentlich ein gutes Kapitelende aus?

Ein Buch ist nicht nur insgesamt in Anfang, Mitte und Schluss unterteilt, sondern auch jedes Kapitel und sogar jede Szene. Wir steigen ein, etwas passiert, wir steigen aus. Damit der Ausstieg gelingt, kannst du den Spannungsbogen, der im Laufe der Geschichte ansteigt und am Ende wieder unten ankommt, auch auf ein Kapitel übertragen – fast! Denn: Wenn du wieder ganz unten ankommst, steigert sich die Spannung im Laufe des Buches nicht. Sie sollte ein wenig gehalten werden, vergleichbar einer Sportübung, bei der du auch nicht ganz loslässt.

Gleichzeitig darf die Spannung auch nicht zu stark gehalten werden, denn deine Leser:innen müssen erst wieder runterkommen können, bevor sie wieder abheben dürfen. Es ist ein Rhythmus aus sich steigernder Anspannung und (nicht totaler) Entspannung – sonst bewegen sie sich irgendwann auf einem Level, der keine Steigerung mehr erlaubt, und spannungsvolle Atemlosigkeit wird durch Schnappatmung abgelöst. Das wollen wir nicht.

Tipp: Stelle dir deine gesamte Geschichte wie eine Wellenbewegung vor, wobei die Welle sich immer weiter auftürmt, bis sie bricht – und dann sanft am Strand ausläuft.

Wer plant, ist im Vorteil

Das ist ein bisschen tricky, benötigt Fingerspitzengefühl – und ja, auch Übung! Die Plotter sind hier meiner Meinung nach im Vorteil, da sie bereits vor dem eigentlichen Schreiben alle Szenen- und Kapitelenden prüfen und auf diese Punkte hin kontrollieren können: Habe ich einen guten Abschluss, eine gute Auflösung gefunden? Wird die Spannung gehalten? Aber nicht zu stark? Animiert das Kapitelende zum Umblättern und Weiterlesen? Sowohl Plotter als auch Bauchschreiber können sich die Kapitelenden während eines Überarbeitungsgangs noch mal vorknöpfen und auf diese Fragen hin abklopfen. (Da ich Plotter bin, bin ich aber vielleicht voreingenommen. 😉 Du hast auch als Bauchschreiber deine Kapitelenden gut im Blick? Hinterlasse gerne einen Kommentar bezüglich deiner Erfahrungen.)

Wenn du oder dein:e Lektor:in dann feststellt, dass mit einem Kapitelende tatsächlich etwas nicht stimmt, erfordert die Änderung oft kein Umschreiben ganzer Absätze. Meiner Erfahrung nach reichen oft zwei bis drei Sätze, um deine Leser:innen positiv aus dem Kapitel zu verabschieden. „Und jetzt?“, ist zum Beispiel eine Frage, die ich dann an den Rand schreibe. Manchmal muss sich nur noch jemand verabschieden und gehen. Welche Bedeutung hat das gesamte Kapitel für die Geschichte? Die Schlussfolgerung eignet sich auch als Abschluss, ebenso eine Frage oder ein Hinweis auf die Entwicklung des Charakters in diesem Kapitel. (Achtung! Hier nicht Ausschweifen und ins Erzählen geraten.)

Auch ein Cliffhanger ist möglich. Dies hängt von deiner Geschichte, deinem Plot ab und ob solche Cliffhanger zu deine Story passen. Dies ist nicht immer der Fall. Es kann gewollt wirken, auch mögen nicht alle Leser:innen diese Form der Spannungserzeugung. Es hängt dann von deiner Zielgruppe an. Und außerdem hilft hier wie so oft: ausprobieren! (Und sich selbst kennen: Ich habe eine Tendenz, Kapitel mit  Auslassungspunkten zu beenden … Auch das sollte man nicht überstrapazieren, hihi. 😉 )

Wie sieht das konkret aus?

Zum Abschluss ein paar Beispiele, um das Ganze zu illustrieren, und zwar aus meinem Liebesroman „Tasche mit Herz“, den es in Kürze wieder als E-Book geben wird.

Beispiel: jemand geht, Frage

Ich hole tief Luft, drehe mich wortlos um und marschiere zurück, verfolgt vom Klatschen und den Anfeuerungsrufen meiner Freundinnen. Wie alt sind wir eigentlich?

Beispiel: Figur wendet sich vom Gespräch ab und wieder sich selbst zu

Doch weiter komme ich nicht mit meinen Gedanken, denn da kommt der Kellner mit meiner Paella, und wenn Essen auf dem Tisch steht, dann gibt es für mich nichts anderes. Mit Hingabe wende ich mich der Köstlichkeit zu, die tatsächlich genauso schmeckt wie zwanzig Jahre zuvor, und vergesse die Begegnung mit der Vergangenheit.

Beispiel: Äußeres zeigt den Abschluss, das Ende an; hier: Sonnenuntergang

Heike knufft mich in die Seite, dann sehen wir zu, wie auch der letzte Rest Tageslicht im Wasser versinkt.

Beispiel: Cliffhanger, wird im nächsten Kapitel aufgelöst, verleitet zum Weiterblättern

„Aber das mit dieser Frau“, sagt sie und räuspert sich, „das musst du mir noch mal erklären.“
„Oh Gott.“ Ich verziehe gequält das Gesicht. „Du hast echt alles mitbekommen, oder?“

Hast du Fragen oder Anregungen? Dann schreibe mir an kerstin@21ufos.de eine E-Mail.