Cozy überall

Der Herbst naht, offenbar auch auf YouTube: Werden dir in letzter Zeit auch vermehrt Videos von Youtuberinnen ausgespielt, die sich in eine biedermeierartige „Coziness“ zurückgezogen haben, eine Art Weltflucht aus Kuscheldecke, Kerzenlicht, Malbuch und Pumpkin-Spice-Kakao? Dazu ein Cosy Crime, eine Zeitschrift mit „hygge“ auf dem Cover, Kuschelsocken, und fertig ist die Phantasie, die Welt für einen Moment aussperren zu können, diese bekloppt gewordene Welt, in der eine Krisenmeldung die nächste zu jagen scheint.

Natürlich muss ich diese Videos nicht gucken. Doch da ich dem Algorithmus – wie wir alle – gnadenlos ausgeliefert bin, zappe ich natürlich rein; raus aus meiner eigenen früchteteeseligen Gemütlichkeit, rein in die einer fremden Frau, die im Grunde nichts anderes macht und will als ich: abschalten. Alles etwas erträglicher machen. Sich kurz dem Traum hingeben, das alles da draußen ginge sie nichts an.

Geht es halt doch. Und anders als früher, wenn ich es mir mal schön gemütlich gemacht habe – das konnten wir ja schon immer gut, weshalb es das Wort „Gemütlichkeit“ auch in den englischen Sprachgebrauch geschafft hat -, fällt es mir schwer, mich der Illusion hinzugeben, mein kleiner Kokon sei die ganze Welt.

Die Welt tickt halt leider nicht mehr sauber, und wir mit ihr. Extreme zeigen sich nicht nur in der Hinwendung zu fragwürdigen Parteien, sondern auch auf der oben genannten Videoplattform: Es werden keine drei Bücher mehr geshoppt und in die Kamera gehalten, sondern ein ganzer, kaum tragbarer Stapel. Malanfängern wird nicht gesagt: „Nimm Stifte und Papier und fang an!“ Nein, da gibt es einen ganzen Fundus an Materialien, die zunächst angeschafft werden müssen. Und gemütlich ist nicht mehr die kurze Auszeit, sondern das korrekte Zelebrieren derselben in einem eigens dafür hergerichteten Teil der Wohnung – manchmal sogar ein eigener Raum! -, eine öffentlich dargestellte Me-Time, die damit ad absurdum geführt wird.

Und so frage ich mich, ob der Durst nach Ruhe vom Getöse auf diese Weise überhaupt zu stillen ist. Ob die Flucht ins Idyll, ins Private – wir sind nicht die ersten, die das versuchen – eine Lösung oder vielmehr Teil des Problems ist.

Das kann, wie immer, nur jede:r für sich herausfinden. Ich denke bei einer Tasse Tee auf dem Sofa weiter darüber nach, ein Buch in Griffweite.

In diesem Sinne, holl di munter,

deine Kerstin

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