Wir lesen immer weniger. Befinden wir uns in einer Phase, in der die Menschheit das Lesen verlernt? Wenn man sich Berichte Forschender anhört, dann muss die Frage wohl mit einem Ja beantwortet werden.
Und: Wir lesen nicht nur weniger, wir sprechen auch weniger miteinander. Das wird Auswirkungen nicht nur auf das Leben Einzelner, sondern ganzer Gemeinschaften haben.
Auswirkungen auf Schreibende
Weniger reden tue ich persönlich vermutlich nicht. Tatsächlich beende ich manche Tage mit der Ansage an meine Familie: „Meine Kommunikationseinheiten sind für heute leider aufgebracht!“ Beim Lesen sehe ich mich jedoch in diesen Studien: Lange Bücher habe ich in den vergangenen Jahren lediglich im Rahmen meiner Lektoratstätigkeit „durchgeackert“. Früher habe ich Diana Gabaldons Wälzer gelesen, Rebecca Gablé verschlungen, auch mal Barbara Wood und Rosamunde Pilcher, die ja nicht gerade für schmale Buchrücken bekannt sind. Heute sind solche Bücher für mich im Alltag undenkbar.
Ich habe es lange Zeit auf ein wie auch immer geartetes Zeitproblem geschoben. Doch das ist nur die halbe Wahrheit: Auch ich gehöre zu denen, die gern lustige Hunde- und Katzenvideos auf der Videoplattform meiner Wahl konsumieren. Leute renovieren ihre Wohnung oder räumen auf? Da bin ich dabei. Aber auch interessante Dokus fesseln mich. Allerdings sind es nicht die Lang-, sondern die Kurzformate, die meine Aufmerksamkeitsspanne verkürzen, so mein Verdacht. Diese Beobachtung ist ja mittlerweile hinlänglich wissenschaftlich belegt. Ist mein Gehirn addicted? Allein die Frage verunsichert mich schon. Daher bin ich dazu übergegangen, Videos nicht mehr auf meinem Handy zu schauen, sondern darüber nur noch Podcasts und Hörbücher zu hören. Längere Formate schaue ich über den Fernseher, indem ich die entsprechende App aufrufe, Kurzformate gar nicht mehr. (Und – o Wunder – habe ich gerade festgestellt, dass sich meine tägliche Bildschirmzeit am Handy halbiert hast. Beschämend, aber auch ermutigend. Ich bin auf dem richtigen Weg.)
Fakt ist: Zeit, die ich mit Videos verplempere, kann ich nicht zur Entwicklung meiner Texte verwenden. Bin ich nicht fokussiert, sondern abgelenkt und unaufmerksam, wird es noch schwieriger. Als Schreibende, die in diesem Leben ihre Projekte gerne abschließen möchte, habe ich also ein fundamentales Interesse daran, konzentriert zu arbeiten.
Lesen nicht einziges Problem
Kommen wir vom Lesen zum Schreiben: Wie viel schreibst du eigentlich noch von Hand? Wir sind alle so geübt im Tippen an Handy und Computer – ob nun nach dem Zehn-Finger-System oder einem eigenen -, dass sich die Frage stellt: Würden wir eine mehrstündige Klausur wie zu Schul- oder Studienzeiten, die mit Füller oder Kugelschreiber zu absolvieren war, überhaupt noch schaffen? Eine Doppelstunde im Unterricht oder eine Vorlesung mitschreiben – für viele vermutlich undenkbar. Unsere Muskulatur käme kaum hinterher, da ungeübt. Irgendwie traurig, oder?
Wenn du im Training sein solltest: Herzlichen Glückwunsch! Ich bin es nicht. 😉 Ich schreibe aktuell
- in meinen Papier-Kalender,
- Einkaufzettel,
- To-do-Listen,
- Klebezettel mit Notizen für den Ehemann,
- Notizen in mein Schreibjournal,
- berufliche Notizen während der Arbeit.
Das war’s. Lange Briefe oder halbe Romane schreibe ich tatsächlich nicht mehr von Hand. Und wenn ich nun etwas schreibe, bemerke ich Folgendes: Meine Schrift war nie schön, aber sie ist noch unleserlicher geworden – und es schleichen sich beim Schreiben mehr Fehler ein. Das erschreckt mich tatsächlich. Verlernen wir neben dem Lesen nun auch das Schreiben? Verdummen wir? Verlernen wir tatsächlich Kulturtechniken, die sich nicht nur die Menschheit in Jahrtausenden antrainiert hat – Lesen und Schreiben sind nicht angeboren! -, sondern die wir uns auch selbst von klein auf mühsam erarbeitet haben? Ich will keine Apokalypse heraufbeschwören, noch eine können wir in der Tat nicht gebrauchen. Aber hinschauen, was da passiert, und was ich im Kleinen dagegen tun kann, das will ich.
Einfach wieder anfangen
Wir wissen ja, dass die direkte Verbindung von Hand und Hirn wichtig ist, gerade für kreative Arbeiten. Dabei muss man auch aushalten, dass es handschriftlich langsamer geht. (Meine Mutter gehört noch zur Generation, die Steno gelernt hat. Das lerne ich vielleicht auch noch mal. Die Kurzschrift kann das Notieren sicherlich effizienter machen, wenn schnell viel zu erfassen ist.)
Gerade wenn es dir schwerfällt, in einen Text reinzukommen, kann der Umstieg auf Stift und Zettel der Gamechanger sein. Auch wenn es ungewohnt ist. Auch wenn es anfangs weh tut. Es kann schön sein, den passenden Stift, das passende Notizbuch zu finden. Ich habe mir gerade einen roséfarbenen Kalender mit Lesebändchen und Goldprägung bestellt. Herrlich! Es zieht gleich eine Gemütlichkeit ein durch das verlangsamte Tempo. Gedanken sammeln, Gedanken sortieren. Bedenke: Deine Notizen werden Teil deines Nachlasses, des kulturellen Erbes. Ein Zettel kann die Zeiten überdauern. Wer weiß schon, was in tausend Jahren von unseren digitalen Inhalten noch abrufbar sein wird?
Außerdem kann die Reduktion auf Stift und Zettel den Output erhöhen. Überlege einmal, ob du dich von PC und Handy leichter ablenken lässt. Ich schon. Das passiert mir mit Papier – oder meinem Notebook von 2003, das nicht mehr ins Internet geht und das ich tatsächlich nur zum Schreiben nutze – deutlich seltener. Ich kann nicht mal grad die Mails checken, etwas recherchieren oder mich von Videos ablenken lassen. Technisch unmöglich. (Mein Schreibprogramm auf dem „richtigen“ Notebook bietet zwar die Möglichkeit, einen „Schreibfokus“ einzurichten, sodass der Screen möglichst clean ist; aber auch das reicht manchmal nicht.)
So, und jetzt, wo ich so darüber nachdenke, fallen mir noch mehr Dinge ein, die ich von Hand verfasse:
- Mitschriften bei Meetings im Rahmen eines Ehrenamts,
- Notizen zu Blogartikeln,
- und meinen Szenenumbruch erledige ich nach wie vor mit Karteikarten, die ich mit dickem schwarzen Filzstift beschrifte.
Mehr lesen, mehr von Hand schreiben – das sind doch mal schöne Methoden, um einen Beitrag zur Rettung der Menschheit zu leisten, oder?
Was willst du tun, um dem drohenden Lese- und Schreibverlust zu entkommen? Oder siehst du das alles ganz anders? Schreib gerne einen Kommentar.
Holl di munter,
deine Kerstin


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