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  • Ruhe im Sturm

    Ruhe im Sturm

    Wie schwer es mir fällt, in Wartezimmer-Situationen – also überall dort, wo ich verdammt bin, für eine Weile untätig herumzusitzen – zur Ruhe zu kommen. Warum es gut ist, diese schwierige Aufgabe dennoch zu bewältigen, darum soll es im heutigen Blogpost gehen.

    Schweig still, Elende!

    Ich sitze also untätig herum, nicht freiwillig, sondern gezwungenermaßen. Eigentlich sollte ich diese geschenkte Ruhezeit doch genießen können. Tatsächlich zeigt sich – zumindest bei mir – da erst der Mental Load, der in mir tobt – sofern ich darauf verzichte, Ablenkungen wie Handy oder auch Zeitschriften und Bücher zu nutzen. Nur die eigenen Gedanken zur Verfügung zu haben, versetzt meinen Körper in eine ungewohnte Unruhe: Das Herz schlägt schneller. Wie soll ich sitzen? Plötzlich habe ich verspannte Schultern. Ich fühle mich beobachtet. Irgendwo juckt es, da zwickt es. Dann ruft die Toilette, aber der Moment ist ungünstig. „Ich will hier raus!“, schreit der Körper. „Du darfst aber nicht!“, sagt der Geist. „Halt das aus. Nutz das aus. Genieß die Zeit! Lass es fließen. Lass es raus. Packe die Energie, den Strom, der durch deinen Körper fließt. LEG DEIN HANDY WEG. Atme! Sei!“

    Schwierig.

    Aber dies sind die Momente, die wir wieder aushalten müssen, wenn wir zur Quelle unserer Kreativität vorstoßen wollen. Da, in der Ruhe, liegen die Diamanten unseres Schaffens: Je mehr Zeit verstreicht, desto mehr ruhige Momente spüre ich. In diesen Momenten fangen die Dinge in meinem Kopf an, in Ordnung zu kommen.

    Haben wir das verlernt: diese Momente nicht nur als Qual zu empfinden, sondern als Genuss? Im Grunde ist es ein geschenkter Moment, geschenkte Lebenszeit, nur mit uns selbst. Ein Perspektivwechsel könnte aus der Qual ein Geschenk machen. Ein Fenster zu uns selbst, durch das wir hineinklettern können, sonst verriegelt, verschlossen, zugenagelt. Jetzt sind die Fenster vielleicht schmutzig, aber stehen weit offen – die Fenster zu unserer Seele.

    Also nimm die Zügel in die Hand.

    Es heißt ja nicht, dass wir das immer so machen müssen. Auch aus Tätigkeit kann Kreativität entstehen, bei mir vorzugsweise beim Putzen. Aber in Momenten, in denen wir mit unseren Gedanken alleine sind, könnten wir versuchen, uns die Kontrolle über die Dopaminausschüttung zurückzuerobern. Unser Gehirn gehört uns, nicht seelenlosen Tech-Konzernen, die mit unserer Unfähigkeit, uns selbst zu kontrollieren, Profit machen wollen. Dem nachzugeben, gefährdet nicht nur unseren kulturellen Bereich, sondern unsere Gesellschaften als Ganze. (Und das bedeutet nicht, dass wir niemals KI und andere Hilfsmittel oder Social Media nutzen sollen, Gott bewahre. Aber unseren Verstand ausschalten oder uns mit unserem gesamten Sein ausliefern – das sollten wir nicht.)

    Früher war besser?

    Hier möchte ich zurückblicken in eine Zeit vor etwa 500 Jahren: In der Renaissance „entdeckte“ der Mensch sich selbst, seinen Eigenwert, machte sich sichtbar. Er stellte sich selbst ins Zentrum des Interesses. Nun hingegen, in unserer Zeit, ist er mit einer Negierung konfrontiert, einem: „Du bist unwichtig, kleiner Wurm! Füge dich dem Unausweichlichen! Du hast eh verloren!“ Verloren gegen den Zeitgeist, das Digitale, den Algorithmus.

    Oder aber: Könnte dies eine Zeit ähnlich der Renaissance sein? Eine Zeit, in der der Mensch sich neu entdeckt, seinen Eigenwert, konfrontiert durch KI? Sich neu definiert, definieren muss? Hach, wäre ich doch nur eine Zeitreisende, die in die Zukunft springen und erfahren könnte, wie die Menschen über diese Zeit denken; was sie ausgemacht hat, was die „Kernaussage“ unserer Epoche ist. Wird es rückblickend eine „Epoche Apokalypse“ oder „Epoche Hoffnung“ sein? Wir werden es nicht erfahren, sondern müssen das Unwissen aushalten – für jemanden wie mich, der immer alles wissen will, besonders schwierig.

    Bleibt mir nur, genau daran mitzuarbeiten: An einer Epoche, in der der Mensch sich neu denken muss. Satz für Satz, Wort für Wort. In Ruhe, konzentriert, analog. Machst du mit?

    Holl di munter,

    deine Kerstin