„Wo seid ihr alle hin?“
Diese Frage kreist seit einer Weile in meinem Kopf. Als ich im Herbst 2024 die Segel strich und eine längere Pause einlegte, verließ ich eine funktionierende Buchbubble. Alle waren busy, ich auch. Insta war voller Posts, jede:r produzierte.
Nun habe ich einmal geschaut, wie es ein paar Buchmenschen in der Zwischenzeit ergangen ist, und erschreckenderweise musste ich feststellen, dass auch andere von der Bildfläche verschwunden sind. Manche sind leider erkrankt – zwei liebe Kolleginnen sogar verstorben; vom Tod der einen wusste ich, der Tod der anderen hat mich überrascht, eine furchtbare Entdeckung -, andere scheint ein anderes schweres Schicksal ereilt zu haben, über das sie sich nicht genauer äußern – wer könnte es ihnen verdenken? -, wieder andere haben seit 2024/2025 ihre Homepage oder ihren Account nicht mehr aktualisiert. Ohne Namen zu nennen: Alles Leute, die bekannt in der Bubble sind (bzw. waren), ein Standing hatten; Follower, Kunden, Verkäufe; die prägend für viele Autor:innen waren, gerade in Corona-Zeiten, als gefühlt jede:r mit dem Schreiben anfing oder begonnene Manuskripte beenden wollte.
Manchmal ist ein Adieu richtig
Bei mir lag der Rückzug an einer Kombination aus zu viel Arbeit und zu wenig Erholung, privaten Anforderungen und KI-Schock plus Frust über die allgemeine Buchbranchen- und Welt-Gemengelage. Also von allem ein bisschen, was manchmal auch reicht; ein Mischmasch, das zu Überforderung führte und dem ich durch eine Flucht nach vorn, durch einen Wechsel in ein anderes Berufsfeld entkommen bin. Dadurch konnte ich in Ruhe weiter an meinen Projekten arbeiten, ohne von Einnahmen in der immer unsicherer werdenden Buchbranche abhängig zu sein. Gut für die Seele, gut fürs Portemonnaie, gut fürs Schreiben! (Denn wie du weißt: Ich gebe niemals auf. Niemals.)
Natürlich bin ich neugierig, will wissen, was bei den anderen los war oder ist. Was sie jetzt tun. Schreiben sie noch? Coachen, lektorieren sie noch? Oder sind sie heute in ganz anderen Bereichen tätig? Haben sie eine wirtschaftliche Entscheidung getroffen, mit dem Kopf statt mit dem Herzen?
Und: Dieses leise Verschwinden, dieses stille Abtauchen, dieser heimliche Rückzug – ist das typisch weiblich? Hab ich ja auch gemacht, wenn auch mit flauem Gefühl im Magen. Ich habe schon vor diesem „Rücktritt“ aus dem Literaturbetrieb Erfahrungen mit Schreib- und Veröffentlichungskrisen machen dürfen. Während Corona war ich einer entkommen. Nun wieder also eine Krise. Sind wir Schriftsteller:innen vielleicht besonders anfällig dafür? War ich möglicherweise nur eine der ersten, die verschwand? (Hinweis: Diese Annahme bedient womöglich Rollenbilder, ich kann sie durch keine Studie belegen. Da ich deutlich mehr Frauen als Männer in der Bubble kenne, kann ich meine Beobachtung auch nur auf Frauen beziehen.)
Als sei nichts gewesen
Manch „Abgetauchte“ könnte ich fragen, müsste nur lose Gesprächsfaden wieder aufnehmen. Mit anderen war ich nicht so dicke, kannte sie vielleicht nur aus der Ferne oder von Fortbildungen; die ein oder andere war ein Vorbild. Da klopft man mit einer so persönlichen Frage natürlich nicht an und ich werde mit der Ungewissheit leben müssen.
Aber dann gibt es natürlich auch die, die aktiv sind wie eh und je. Als sei nichts passiert und passierte nichts. Blenden sie es aus? Nehmen es gar nicht wahr? Sagen sich: „Jetzt erst recht!?“ Tun so, als ob, um sich im Markt nicht zu schwächen? Falls ja: Wie schaffen die das?
I don’t know.
Hinzukommt ja eine allgemeine Social Media- und Online-Müdigkeit, die ich auch an mir selbst wahrnehme. Ich greife mittlerweile lieber zur Zeitung als zum Handy, ziehe Präsenzveranstaltungen einem Onlinemeeting vor, und so geht es wohl vielen. Haben wir die Schnauze voll von Dauerberieselung? Holen wir uns die Macht über unsere Synapsen zurück? (Zu dem Thema folgt noch ein längerer Beitrag.) Und wie gehen die Kolleg:innen, die nach wie vor sehr aktiv auf allen Kanälen sind, mit dieser Veränderung der Nutzungsgewohnheiten um?
Einen tiefen Seufzer später muss ich mir eingestehen, dass ich auf manche Frage keine Antwort erhalten werde. Das ist okay. Jede:r sich in der Literaturbranche Bewegende:r muss einen eigenen Weg finden. Ich gehe meinen. Manchmal kreuzen sie sich und gehen wieder auseinander.
Nur eines hoffe ich: Dass alle, wo auch immer sie sind, weiter an ihren Geschichten arbeiten. ♥
Holl di munter
deine Kerstin

