Leseprobe „Tasche mit Herz“

Klappentext:

Wenn eine Liebe zu lange auf die Probe gestellt wird, genügt ein Funke – und alles brennt!

Janna liebt Stefan, kann aber nicht mehr mit ihm leben. Stefan hat den Kontakt zu seiner Familie verloren und sucht außerhalb sein Glück. Heike wünscht sich eine funktionierende Beziehung, kann aber weder Mann noch Frau lange halten.

Als Janna zu ihrer Mutter nach Ostfriesland flüchtet und Heike nach vielen Jahren wiedertrifft, löst diese Begegnung eine Folge von Ereignissen aus, die alle Beteiligten zwingt, sich der eigenen Wahrheit zu stellen.

Eine queere Lovestory über Neuanfänge und den unbedingten Glauben an sich selbst

 

Leseprobe:

S T E F A N

 »Kommst du heute Abend zum Training?«, fragt Rick, als wir in den Aufzug steigen.
»Weiß nicht«, sage ich. »Zu Hause herrscht ziemlich dicke Luft. Muss erst mal die Lage checken.«
Rick grinst nur, denn er weiß Bescheid – als Einziger in der Firma, weil wir uns schon so lange kennen. Den übrigen Kollegen würde ich nicht mal unter Zwang Privates anvertrauen, weil alles sofort die Runde macht. Bei Rick bin ich unbesorgt. Der hält dicht, und das seit der Grundschule.
»Schenk ihr doch mal ein paar Blumen«, sagt er. »Oder geht schick essen.«
Ich schnaube. »Das bringt nichts mehr. Alles schon versucht.«
Rick nickt verständnisvoll, auch wenn er überhaupt nichts versteht. Wie soll einer, der in entspannter serieller Monogamie lebt, nachvollziehen können, wie es ist, vierzehn Jahre verheiratet zu sein? Ich bin fassungslos. Vierzehn Jahre!
Nicht, dass ich heute anders entscheiden würde als damals. Ich liebe Janna, immer noch, trotz der ganzen Streitereien und ihres Gemeckers, bloß weil ich ab und zu mal ein bisschen Sport treibe. Sie sollte sich freuen, dass ich mich fit halte, damit wir zusammen alt werden können. Immerhin bin ich ein paar Jahre älter als sie. Aber was macht sie? Vor dem Fernseher hängen und Chips essen. Ich sollte sauer sein, nicht sie. Was die Frauen immer haben. Ich kann machen, was ich will, sie ist trotzdem stinkig. Da ich mir in regelmäßigen Abständen eine nette, kleine Affäre gönne, halte ich das Generve und die obligatorischen sexuellen Durststrecken ganz gut aus. Ich bin nicht anders als andere Männer, und diese Ehe ist nicht anders als alle anderen. Oder sehe ich das falsch? Allerdings verhält sich Janna in letzter Zeit komisch, noch zurückweisender als sonst. Sind es die Sorgen wegen Frieda, ihrer Mutter? Auf jeden Fall möchte ich, dass wir uns im Guten verabschieden, wenn sie heute Abend mit Greta zu ihrer Mutter fährt. Sechs Wochen sind eine lange Zeit.
»Vielleicht tut uns der Abstand ganz gut«, sage ich wenig hoffnungsvoll zu Rick. Eigentlich passt es mir überhaupt nicht, dass Janna mit unserer Tochter zu meiner Schwiegermutter fahren will und das auch noch für mehrere Wochen. Das bringt meine Routinen durcheinander. Warum musste Frieda ausgerechnet jetzt zusammenklappen? Ich habe ein paar wichtige Termine, da kann ich mich nicht um Hausputz, Essen kochen, einkaufen und das ganze andere Zeug kümmern, das Janna sonst immer erledigt.
Wir gehen zum Parkplatz und verabschieden uns fürs Erste.
»Vielleicht bis heute Abend!«, ruft Rick und steigt in sein Auto.
»Mal schauen«, antworte ich lasch und winke, als er an mir vorbeifährt. Ich hab wenig Hoffnung, es rechtzeitig zum Training zu schaffen, aber wer weiß? Vielleicht ist Janna ja gut drauf, weil sie mal rauskommt. Kriegt ja selten den Hintern hoch in letzter Zeit, das kann missmutig machen, und wenn sie auch noch versucht, von zu Hause aus zu arbeiten…
Ich steige in meinen Wagen, lege eine CD ein und drehe die Lautstärke auf. Es geht doch nichts über ein bisschen Techno aus den Neunzigern, um sich den Stress aus dem Hirn blasen zu lassen.
Und den habe ich reichlich, nicht nur zu Hause, sondern auch auf der Arbeit. Ich weiß nicht, wie Janna sich das immer vorstellt. Was meint die denn, wo das Geld herkommt, das sie ausgibt? Wer bezahlt die große Wohnung ab, kauft die Möbel, die Kleidung, das Essen? Das gibts alles nicht geschenkt. Ich muss hart dafür arbeiten und ihr Verhalten finde ich einfach nur undankbar. Es ist doch normal, dass ich mir bei dem ganzen Stress ein bisschen Entspannung zu Hause wünsche, oder? Andere Frauen schaffen das doch auch. Nur sie ignoriert mich. Aber ich hab Bedürfnisse, verdammt!
Ich drehe die Lautstärke noch etwas weiter auf, dann biege ich ab auf den Autobahnzubringer. In zwanzig Minuten bin ich zu Hause.
»Lass uns einfach einen schönen Abend haben«, bete ich zu wem auch immer. Ist das denn zu viel verlangt?

 

J A N N A 

»Die hättest du aber wirklich zu Hause lassen können«, sagt meine Mutter und fischt eine ziemlich ramponierte CD mit spitzen Fingern aus dem Karton. Das Cover ist mal nass geworden, Bier vermutlich, und der Deckel hat einen Riss. »J« steht fett oben rechts in der Ecke, wie auf allen anderen CDs im Karton. Die Initiale sollte sicherstellen, dass sie nach Partys den Weg zurück zu mir fanden, was nicht immer der Fall war – leider.
»Erstens habe ich kein Zuhause mehr«, sage ich und nehme ihr die CD ab. Mit dem Ärmel wische ich einen Fleck vom Deckel, der sich vermutlich seit der letzten Party in den späten Neunzigern darauf befindet. Ich will nicht wirklich wissen, um was es sich dabei handelt, tippe aber auf eine Mischung aus Feigenschnaps und Anislikör. Von beidem wird mir bis heute allein beim Gedanken daran schlecht.
Ich räume die CD wieder in den Karton, wuchte ihn hoch und drehe meiner Mutter demonstrativ den Rücken zu. Dann steige ich samt Karton die Treppe hoch, rauf zu meinem alten Kinderzimmer, das unverändert auf mich wartet und die CDs sicherlich dankbar schlucken wird. So wie mich.
»Und zweitens kannst du dich doch auch von nichts trennen!«, rufe ich meiner Mutter über die Schulter zu. »Sogar meine alten Pflanzen pflegst du seit zwanzig Jahren. Sind die eigentlich echt oder aus Plastik? Die können doch nicht immer noch leben!«
»Aber ich«, sagt meine Mutter und schnauft hinter mir die Treppe hoch, meine Frage ignorierend, »habe mich immerhin nicht von meinem Mann getrennt. Bei mir wars der Tod und den hatte ich mir nicht ausgesucht. Wer es allerdings schafft, seinen Mann abzuschaffen – so wie du! –, der wird das doch auch mit ein paar CDs bewerkstelligen können.«
Ich verdrehe die Augen und fange an, die CDs an ihre alten Plätze zu räumen. Die Regalböden sind staubfrei, wie alles andere im Raum.
»Hast du hier etwa noch durchgewischt?«, frage ich und sehe meine Mutter streng an. »Der Arzt sagt doch, dass du dich schonen sollst.«
»Der kann mich mal.«
»Oma!«, ruft Greta und steckt ihre pink-lila-blaue Mähne – zum Glück auswaschbar! – zur Tür herein. Sichtlich schockiert schüttelt sie den Kopf. »So was sagt man doch nicht.«
Frieda schnaubt. »Natürlich sagt man so was nicht, du Naseweiß. Aber der Arzt redet Unsinn. Mir gehts gut, ich bin topfit. Der will mir bloß meinen Geburtstag vermiesen.«
»Was hätte er denn davon?«, frage ich und drücke Greta den leeren Karton in die Hand, damit sie ihn auseinanderfalten und zu den anderen stellen kann, die sich am Treppenabsatz sammeln.
Der Einzug wird sich ewig hinziehen, weil wir immer nur ein paar Kartons auf einmal hereintragen und auspacken können. Wenn wir sie nicht gleich verstauen, kann man sich im Raum nicht mehr umdrehen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass meine Mutter sich mein Zimmer in ihrer Kindheit sogar mit ihrem Bruder geteilt hat, aber so ist es gewesen. Das Haus ist Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts gebaut worden, die nachfolgenden Generationen erweiterten es, ohne an der Größe der Zimmer etwas zu verändern, und so macht sich immer ein Sardinengefühl in mir breit.
In der Kammer nebenan, die früher einmal das Elternschlafzimmer war und in das exakt ein Doppelbett passt, wird Greta unterkommen. Angehende Teenager benötigen zum Glück nicht mehr so viele Quadratmeter. Smartphones lassen sich auf minimalstem Raum unterbringen und machen sogar eine CD-Sammlung wie meine überflüssig, und ihr Smartphone ist momentan das Einzige, das Greta interessiert. Im Grunde ist es überhaupt nicht mehr nötig, für Kinder ab etwa zehn Jahren Kinderzimmer vorzuhalten. So Schlafröhren wie in Japan – völlig ausreichend, finde ich. Kind rein, Smartphone rein, Klappe zu.
»Ihr müsst das wirklich nicht machen«, setzt meine Mutter erneut an. Ihre Versuche, mich davon zu überzeugen, doch zu Stefan zurückzukehren, gehen mir auf die Nerven. Sicher, ursprünglich war der Plan, nur die Sommerferien über in Ostfriesland zu bleiben und so lange den Garten zu versorgen, bis meine Mutter wieder auf dem Damm ist und das selbst übernehmen kann. Doch dann hat sich einerseits herausgestellt, dass ihre baldige Genesung auf Grund des hartnäckigen Schwindels fraglich ist, und andererseits, dass ich überhaupt nicht zurück zu Stefan will. Nicht nach seiner letzten Aktion. Da ist bei mir eine Sicherung durchgebrannt, peng, und ich hab gepackt.
Ohne ihm Bescheid zu sagen.
Und Greta habe ich mitgenommen.
Ja, ich weiß. Das geht so nicht. Aber was sollte ich machen? Jeder, der das durchgemacht hat, was ich hinter mir habe, wird mich verstehen. Und dass Greta bei Stefan bleibt, war ausgeschlossen, selbst wenn sie es gewollt hätte. Was nicht der Fall war. Sie ist freiwillig mitgekommen, denn auch sie hatte die Schnauze voll. Ihr Vater teilt seine Lebenszeit zwischen Baustelle und Büro auf und hat für sie nur am Wochenende Zeit – wenn er nicht gerade Sport treibt. Als Läufer nimmt er ständig an irgendwelchen Events teil, und den Rest der Zeit trainiert er. Eine Familie ist da zeitlich nur schwer unterzubringen, selbst wenn man sie irgendwann mal haben wollte. So wie einen Lampenschirm in blau-weiß gestreift, der einem ein paar Jahre später doch zu vintage ist.
Jeder setzt seine Prioritäten anders. Das wird Greta vermutlich irgendwann genauso klar werden wie mir. Leider.
»Doch, das müssen wir«, sage ich zum wiederholten Mal. »Wir müssen das machen! Ich und Greta ziehen erst mal hier ein und gehen dir so lange auf den Wecker, bis wir eine Wohnung gefunden haben, die ich bezahlen kann. In der Zeit unterstütze ich dich, bis dein Kopf wieder in Ordnung ist. Alles klar?«
Frieda nickt widerwillig. Sie ist genauso stur wie Greta und genauso um ihre Eigenständigkeit besorgt. Aber im Leben lässt sich eben nicht immer alles alleine regeln, finde ich, und so müssen die beiden da jetzt mal durch. Genau wie ich.
»Hilf mir lieber«, sage ich und schiebe meine Mutter so sanft wie möglich aufs Bett, damit ich durch die Tür komme. »Es wird nicht leicht sein für mich, wieder hier in Ostfriesland anzukommen. Greta wird an der Schule schnell Freunde finden, sie ist einfach der Typ dafür. Ich nicht.«
»Gerade deshalb sage ich ja: Lass es bleiben!«, versucht meine Mutter es erneut. »Ihr habt doch euer Leben. Das ist doch auch schön. Greta muss die Schule wechseln, und auch wenn sie schnell neue Freunde findet, wird sie doch ihre alten Freunde vermissen. Außerdem wird sie ein Scheidungskind.«
Ich verdrehe die Augen. „So wie viele andere, das ist doch heute nichts besonderes mehr.“
„Trotzdem. Kinder wünschen sich doch eine heile Familie.“
Greta kommt die Treppe hochgestapft und schnappt sich den nächsten Karton. „Das einzige, was ich mir wünsche, ist: kein Streit mehr! Davon hab ich nämlich echt die Schnauze voll. Außerdem bin ich gerne bei dir, Oma!“, ruft sie meiner Mutter über die Schulter zu, und ihr Lächeln zeigt mir, dass sie sich insgeheim freut, uns um sich zu haben. Und überhaupt: Dass unser Familienleben alles anderes als „schön“ ist, wie meine Mutter glaubt, weiß sie nicht, und jetzt ist auch nicht der richtige Zeitpunkt, um es ihr zu sagen. Aber er wird kommen. Wenn ich mich eingerichtet habe in meinem neuen Leben.
Ich will es wirklich versuchen: Wieder leben in Ostfriesland, statt nur zu Besuch sein; wieder vertraut werden mit dem Dorf meiner Kindheit und der Kleinstadt in der Nähe, in der ich gefeiert und getanzt, gelitten und geweint habe. Das gehört für mich merkwürdigerweise zusammen, so wie Schnaps und Erbrechen. Ich kann mich an keine einzige Party erinnern, auf der nicht irgendwann irgendwer in der Ecke gesessen und geheult hätte. Jedes Thema wurde totgequatscht, im wahrsten Sinne des Wortes bis zum Erbrechen. Erst später im Studium, als ich Stefan kennenlernte, begriff ich, dass man durchaus anders feiern kann. So ganz ohne Heulerei.
Allerdings habe ich weder vor, zukünftig auf Partys zu sitzen und zu heulen noch mich dort zu erbrechen. Ich will nur wieder glücklich sein. So glücklich wie früher, als wir die langen Haare mit neonfarbenen Gummis zusammenbanden; als wir weiße Jacken mit fetten Markenlogos trugen, die zwei Nummern zu groß waren; als wir uns frühzeitig entscheiden mussten, ob wir zur Grunge-, Grufti-, Techno- oder Hip-Hop-Fraktion gehören wollten, weil ein Wechsel sich später als äußerst schwierig bis unmöglich erweisen mochte.
Ja, ich gebe es zu: Die Neunziger waren rückblickend für mich eine einzige lange Party. Es ging uns gut, die Probleme der Welt versanken für uns nach der Einheit in einem Freudentaumel, und wir wollten nur Spaß haben – wenn wir nicht gerade heulten. Die Berliner Loveparade ist für viele zum Synonym für diese Zeit geworden, auch für mich: laut, bunt, grüne Augenbrauen und nackte Körper, Musik in jeder Zelle, Sonnenblumen und vernebelte Gehirne. Krass und einzigartig, bis heute, trotz ihres traurigen Endes.
Das alles kann ich meiner Mutter nicht klarmachen. Sie ist pragmatisch und würde sagen, dass sich die Zeit nicht zurückdrehen lässt. Aber ein bisschen darauf hoffen, das muss ich einfach – gerade jetzt…

 

H E I K E

Eigentlich hab ich heute keine Lust auf Theater. Am liebsten würde ich zu Hause bleiben, die Vorhänge zuziehen und es mir mit Hemingway auf dem Sofa gemütlich machen. Allerdings mache ich das quasi immer in letzter Zeit, woran mich meine Freundinnen regelmäßig erinnern.
»Du musst mal raus«, hat Mia heute am Telefon zu mir gesagt. »Echt, so geht das nicht! Was ist denn bloß mit dir los?«
Tja, wenn ich das wüsste, wäre ich um einiges schlauer. Ich kann nur sagen: Ich habe keine Lust.
Ich habe keine Lust auf die Schulstunden mit Schülern, die mir sowieso nicht zuhören.
Ich habe keine Lust auf Eltern, die mich mit ihren überzogenen Ansprüchen nerven.
Vor allem aber habe ich keine Lust auf eine weitere Enttäuschung in meinem Liebesleben. Wenn ich das verhindern will, darf ich niemanden kennenlernen.
Wenn ich nicht ausgehe, treffe ich auch niemanden.
Ganz einfache Rechnung, oder?
Mia hat sich davon aber nicht überzeugen lassen.
»Wat ’n Quatsch!«, war ihr Kommentar. „Wir treffen uns wie immer zum Essen, danach gehts ins Theater. Wird dir guttun.« Dann legte sie auf.
Hallo? Ich weiß, was mir guttut und was nicht, und Hemingway tut mir sehr gut! Immerhin kenne ich ihn bereits ein paar Jährchen, da sollte ich es wissen. Keiner hilft mir so über das Ende einer Beziehung hinweg wie er. Merkwürdige Sache, wenn man mal drüber nachdenkt, immerhin war er viermal verheiratet. Deshalb lasse ich das lieber.
Auf jeden Fall hab ich mich breitschlagen lassen und nehme heute am Treffen teil. Es ist das erste, seit ich nicht mehr mit Veronika zusammen bin, und ich bete inständig, dass sie nicht da sein wird. Das wäre echt too much; aber Mia hätte es mir bestimmt gesagt, schließlich hat keiner Bock auf Stress. Unser Stammtisch ist nicht gerade dafür bekannt, aufzufallen, denn es kommen viele Frauen zu uns, die nicht geoutet sind.
Nachdem ich erfolglos versucht habe, mich weiter in meiner düsteren Stimmung zu suhlen, werde ich mich dem Thema Klamotten widmen müssen. Irgendwas muss ich ja anziehen. Ich schaue in den Spiegel und beschließe, dass es für die Gruppe reicht. Jeans und schlabberiges T-Shirt peppe ich mit einem Blazer auf, Haare gekämmt, fertig. So kaputt, wie ich heute aussehe, würde auch Make-up nicht helfen. Vermutlich würde es eher grotesk aussehen, und ich fühle mich damit sowieso nicht wohl.
Ich kann allerdings gar nicht sagen, dass ich so verstimmt bin, weil ich Liebeskummer habe. Bin ich nicht. Beziehungsweise habe ich nicht. Was vermutlich der Grund für das ganze Übel ist: Ich hab Veronika nicht geliebt. Ich mochte sie, ich war gerne mit ihr zusammen. Aber das reichte ihr nicht. Sie wollte mehr.
Sie wollen immer alle mehr.
Mehr als ich zu geben bereit bin.
Mehr als ich überhaupt geben kann.
So bin ich einfach nicht.
Leider.
Wobei das nicht so ganz stimmt. Es gab mal eine. Die Eine. Die besondere Frau, für die ich vermutlich alles getan hätte. Sogar Zusammenziehen, Kinder, der ganze Kram. Wobei ich damals noch so jung war, dass das Thema Kinder nicht im Raum stand. Damals waren wir alle mit den Leiden der Pubertät beschäftigt und die Realität weit weg. Auch später stellte sich kein ausgeprägter Kinderwunsch ein, zum Leidwesen meiner Eltern.
Ich habe das für mich klar analysiert und herausgefunden, dass diese frühe Entscheidung, dieses Nichteingestehen meiner Neigung und der Verzicht, ihr meine Gefühle zu gestehen, zu allem anderen geführt hat – unter anderem zu meinem aktuellen Problem mit Veronika. Hätte ich damals richtig geschaltet, wäre alles anders gekommen. Das war mit Sicherheit der größte Fehler meines Lebens, und in den dunklen Augenblicken, zu denen die vergangenen Wochen definitiv gehören, rufe ich mir das in Erinnerung. Einerseits hat es etwas Selbstkasteiendes, andererseits entlastet es mich, weil ich auf etwas die Schuld schieben kann: Bin halt verkorkst, von Anfang an.
»Du bist nicht in der Lage, eine vernünftige Beziehung zu führen!«
Veronikas Worte. Danach hat sie die Tür zugeknallt. Seitdem habe ich sie nicht mehr gesehen.
Vermutlich hat sie Recht. Ich kann da nicht auf Erfolge verweisen: Alle meine Beziehungen endeten nach wenigen Monaten, teils dramatisch, teils verliefen sie im Sande, und ich muss gestehen, dass stets ich die Schuldige war, meistens, weil die Frauen mich nervten. Wieso zum Teufel achtet keiner mehr den persönlichen Freiraum des anderen? Wieso rücken sich alle so auf die Pelle? Kann denn keiner mehr mit sich alleine sein? Beziehungen habe ich sowieso immer nur mit Frauen geführt. Mit Männern reicht mir ein One-Night-Stand dann und wann. Reiner Trieb, mehr nicht. So war das schon immer, und das ist okay für mich. Allerdings könnten Männer bestimmt mit sich alleine sein. Aber deshalb eine Beziehung mit einem von ihnen führen? Och nö …
Ich kann das wunderbar. Ich stehe alleine vor meiner Klasse. Ich wohne alleine. Ich lese alleine. Ich segel alleine. Ich genieße das Alleinsein, denn dabei kann ich Ich sein und muss nichts vorspielen, keine Gefühle und schon gar keine Bedürfnisse, die ich nicht hab.
Wäre es nicht erfrischend, mal jemanden zu treffen, der all das nicht einfordert? Oder liegt es daran, dass ich nicht wirklich liebe, und all das mit der Richtigen funktionieren würde?
Jedenfalls gebe ich langsam die Hoffnung auf, noch mal jemanden zu finden, der zu mir passt. Veronika ist mir quasi ins Bett gefallen, und zu mehr Anstrengungen diesbezüglich bin ich nicht mehr bereit.
Ich schließe den Kleiderschrank, schaue auf die Uhr und stelle fest, dass ich noch fast eine Stunde habe, bis ich losmuss.
»Genug für eine Lese-Runde«, beschließe ich und lasse plumpse aufs Sofa.
Sofort springt meine Katze neben mich und kuschelt sich an meine Seite. Sie ist die Einzige, die bei mir wohnen darf, und das treueste Geschöpf, das mir jemals begegnet ist. Mit einer Hand halte ich das Buch, mit der anderen streichle ich sie und lasse mich von ihrem Schnurren einlullen. Ich hoffe, dass ich nicht einschlafe. Schlimm wär’s aber auch nicht.