Leseprobe „Der Sturm brachte ihren Retter“

Klappentext:

Ein Liebeskurzroman aus Ostfriesland mit Happy-End-Garantie

Wiebke liebt die Arbeit auf ihrem kleinen Bauernhof. Gemeinsam mit Opa Enno kümmert sie sich hingebungsvoll um die Tiere und den Hofladen. Auch wenn das Geld manchmal knapp ist, würde sie das einfache Leben in ihrer wunderschönen Heimat niemals aufgeben.

Doch dann braust ihr alter Freund Maik mit seinem Sportwagen auf Wiebkes Hof und unterbreitet ihr ein unerhörtes Angebot: Sein vermögender Arbeitgeber will ihr Land kaufen, um einen Golfplatz zu errichten. Wiebke lehnt empört ab. Nach einem verheerenden Brand bekommen Maiks Angebot und seine Nähe für Wiebke jedoch einen neuen Stellenwert.

Wäre da nicht Kevin, ein Abenteurer aus Neuseeland, der Wiebke ebenfalls eine verlockende Perspektive anzubieten hat …

Leseprobe:

»Darf ich Ihnen sonst noch etwas einpacken?«, fragte Wiebke und reichte Frau Janssen den geflochtenen Einkaufskorb über den Tresen.

»Ach, Kindchen«, sagte Frau Janssen und nahm ihn entgegen. »Wenn ich könnte, würde ich deinen ganzen Laden leer kaufen, so gut schmeckt das alles.«

Wiebke lachte und reichte ihr ein Stück frisches, warmes Brot. »Direkt aus dem Ofen, nach dem Rezept meiner Mutter.«

Frau Janssen biss herzhaft hinein und verzog genüsslich das Gesicht. Sie war wie immer voll des Lobes, wie für alle Dinge, die Wiebke in ihrem kleinen Hofladen am Rand des Dorfs im Herzen Ostfrieslands anbot. »Deine Mutter war wirklich eine hervorragende Köchin und Bäckerin. Wie oft haben wir draußen im Garten gesessen, geplaudert und ihre Leckereien genossen.« Sie seufzte und trat vor eine Fotografie, die Wiebkes Eltern zeigte. »Das ist nun schon so lange her, aber es scheint mir, als wäre es gestern gewesen.« Wie immer duzte Frau Janssen sie, denn sie hatte Wiebke schon als kleines Kind gekannt, während Wiebke aus Höflichkeit und Respekt beim Sie geblieben war.

Frau Janssen war vollkommen in die Betrachtung des Bildes versunken. Wiebke ließ sie einige Augenblicke in Erinnerungen schwelgen und musste sich dann zweimal räuspern, bis ihre Kundin den Blick von dem Bild löste. »Dann will ich mal wieder«, sagte Frau Janssen und ging mit ihrem Korb auf die Tür zu. »Grüß Opa Enno von mir.«

»Mach ich«, versicherte Wiebke. »Er wird sich freuen.«

Als Frau Janssen die Tür öffnete, kam ihr ein frischer Wind entgegen, der den ersten Sturm des Herbstes ankündigte. Er fegte durch die kleinen Straßen ihres Dorfs, doch den typisch ostfriesischen Häuschen aus rotem Klinker konnte er nichts anhaben. Frau Janssen band ihr Kopftuch fester und trat in den feinen Nieselregen hinaus, den sie alle so gut kannten.

Wiebke lief ihr hinterher und griff aus einem Ständer neben der Tür einen großen Regenschirm, den bereits vor Jahren jemand bei ihr vergessen hatte, und der zwischenzeitlich schon oft zum Einsatz gekommen war. »Wollen Sie den mitnehmen?«, fragte sie. »Bringen Sie ihn beim nächsten Einkauf einfach wieder mit.«

»Ich weiß auch nicht, wo ich heute meinen Kopf habe«, sagte Frau Janssen und griff zu. »Sonst habe ich immer einen kleinen Schirm dabei.« Sie schüttelte ihren Kopf noch einmal über ihre eigene Vergesslichkeit, dann beeilte sie sich, über den Hof zu kommen, um ihr nicht weit entferntes Häuschen zu erreichen, bevor der Regen richtig einsetzte.

Wiebke sah ihr lächelnd nach. Sie war immer froh, wenn Frau Janssen über ihre Eltern sprach, auch wenn es sie gleichzeitig traurig machte, weil sie nicht miterleben konnten, was aus ihrem Hof geworden war, was Wiebke erreicht hatte.

Gesa und Jochen Noithmer waren vor zehn Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, aber die Freunde und Nachbarn hielten die Erinnerung an Wiebkes Eltern wach, und Wiebke war sehr dankbar dafür. Mit ihrem Tod hatte sie den Hof geerbt – und auch ihr Wissen über die Natur. Wiebkes Eltern waren schon Biobauern gewesen, als sich noch kaum jemand für ökologisch angebaute Lebensmittel interessierte. Wiebke war damit groß geworden, dass sie umweltschonend anbauten und ihre Tiere artgerecht hielten. Mit Mut und Entschlossenheit hatte sie es bis jetzt geschafft, den Hof zu erhalten. Und natürlich dank Opa Enno, denn ohne ihn wäre Wiebke verloren gewesen. Er half ihr, wo er nur konnte, und das trotz seines Alters von fast achtzig Jahren.

Wiebke wischte noch schnell den Tresen ab, räumte die Gemüsekörbe auf, löschte die Lichter und schloss dann den Laden. Als sie den Schlüssel im Schloss drehte, erfasste sie eine ordentliche Böe. Wiebke liebte Ostfriesland und die schnellen Wetterwechsel, aber wie jedes Jahr machte sie sich Sorgen, ob auch alles für den Herbst vorbereitet war. Sie würde direkt in den Stall gehen und mit Opa Enno über die Pferdekoppel sprechen. Einige Zäune waren morsch, und sie hatte Angst, dass die Pferde bei den nahenden Stürmen entkommen oder sich verletzen könnten.

Wiebke setzte die Kapuze ihres gelben Friesennerzes auf und machte sich auf den Weg. Sie musste sich richtig gegen den Wind stemmen, und der Regen peitschte ihr ins Gesicht – aber sie genoss es in vollen Zügen. Ein bisschen Regen hatte noch niemandem geschadet, und die Weiden würden es brauchen.

Mit roten Wangen kam sie im Stall an. Die Jacke hängte sie an die neue Garderobe neben der Tür, die sie in der vergangenen Woche – gegen den Willen ihres Großvaters, der das für unnötiges Gedöns hielt – angebracht hatte. Wiebke war praktisch veranlagt und liebte es, sich mit Tricks und Kniffen den Alltag einfacher zu gestalten. Sie fand es deutlich praktischer, ihre Jacke einfach an einen Haken zu hängen als über eine dreckige Schubkarre oder einen Strohballen, wie Opa Enno es immer getan hatte und trotz der Garderobe auch weiterhin tun würde.

Wiebke band sich einen neuen Zopf, denn der Wind hatte trotz der Kapuze einige Strähnen ihres langen Haares gelöst. Dann zog sie sich noch schnell die Gummistiefel an, die bei der Arbeit weitaus praktischer waren als die Schuhe, die sie im Laden trug.

Wiebke fand Opa Enno in einer der hinteren Boxen, wo er den Bauch einer Kuh untersuchte.

»Wie geht es ihr?«, fragte Wiebke besorgt, denn Emmi war nicht nur seit Jahren ihr bestes Tier, sondern auch Opa Ennos Augapfel. Sie brachte zwar nicht mehr so viel Milch, weil sie schon älter war, aber dafür gesunde und kräftige Kälber auf die Welt. Emmi war schon so lange bei ihnen, dass sie eher einem Familienmitglied glich. Nicht nur ihr, sondern auch Opa Enno war sie sehr ans Herz gewachsen, und er verhätschelte sie, wo er nur konnte.

Die Hände in die Hüften gestützt, stand er breitbeinig da und schüttelte nachdenklich den Kopf. »Das Kalb muss bald kommen, so viel steht fest.« Er rückte seine Mütze zurecht, setzte sich auf einen Hocker im Gang und stopfte sich eine Pfeife. »Wie lief es heute im Laden?«, fragte er, ohne aufzusehen.

Wiebke seufzte und setzte sich ebenfalls. »Ich konnte ja nur ein paar Stunden am Nachmittag öffnen, weil auf dem Hof so viel zu tun ist. Und du weißt ja, die meisten Leute kaufen mittlerweile in den großen Supermärkten ein, wo sie alles auf einmal und oft auch günstiger bekommen. Es waren wieder nur ein paar Touristen da – und natürlich Frau Janssen. Ich soll dich übrigens grüßen.«

Opa Enno lächelte still. Wiebke schmunzelte, weil die beiden schon seit Jahren umeinander herumtänzelten, ohne ans Ziel zu gelangen. Insgeheim hatte Wiebke beschlossen, bald ein wenig nachzuhelfen – denn für die Liebe war man doch nie zu alt.

Sie selbst allerdings machte sich keine großen Hoffnungen, einen Mann zu finden, obwohl ihr mit ihren 26 Jahren noch reichlich Zeit zur Verfügung stand. Das Leben eines Landwirts im rauen und dünn besiedelten Ostfriesland war wohl für die meisten Menschen nicht sehr erstrebenswert. Wiebke konnte das nicht verstehen. Sie jedenfalls würde dieses Leben nicht aufgeben wollen – niemals. Dafür waren ihr das Land, die Tiere und das Andenken an ihre Eltern zu lieb und teuer. Auch wenn das bedeutete, auf die Liebe, nach der sie sich so sehr sehnte, erst einmal warten zu müssen.

Opa Enno wollte bei Emmi bleiben, also würde Wiebke alleine auf der Koppel nach dem Rechten sehen müssen. Sie zog ihren Regenmantel wieder an und trat aus dem Stall, als ein schicker roter Sportwagen in die Hofeinfahrt bog. Kurz vor Wiebke kam er zum Halten und stellte das Auto unter der großen Kastanie ab, die in der Mitte des Hofs stand.

Misstrauisch wartete sie, dass sich der Fahrer zeigte – denn solch offenbar wohlsituierten Besuch sah sie auf dem Hof eher selten. Ein Mann stieg aus. Sogleich wirbelte der Wind durch sein dunkles Haar und zerrte an seinem augenscheinlich teuren Anzug. Wiebke kam sich plötzlich fehl am Platz vor, in ihrer abgetragenen Jeans, mit dem Ölzeug und den derben Stiefeln. Dabei war es ihr Hof und nicht seiner. Sie zog die Jacke enger um sich.

Der Mann rief ihr etwas zu, aber Wiebke konnte ihn wegen des Sturms nicht verstehen, seine Worte wurden einfach davongetragen. Irgendwie kam er ihr bekannt vor, sie konnte ihn jedoch nicht einordnen. Was er wohl hier wollte? Ob er sich verfahren hatte? Schließlich winkte sie ihn zum Haupthaus, damit sie sich unterhalten konnten.

Sie betraten die große Wohnküche, in der es angenehm warm war und noch nach dem frischen Teekuchen duftete, den sie am Morgen gebacken hatte. Der Mann streifte seine Schuhe an der Fußmatte ab und glättete seinen Anzug, den der Regen sichtlich mitgenommen hatte. Er strich sich auch durch die dunklen Haare, die danach nur noch wilder abstanden. Als Wiebke unwillkürlich lächeln musste, wandte sie den Kopf zur Seite. Er musste das nicht gleich mitbekommen. Wer war dieser Mann bloß? Wo hatte sie ihn schon mal gesehen?

Auch er lächelte jetzt und trat einen Schritt auf sie zu. Immer noch ein wenig misstrauisch, doch nun auch neugierig, sah sie ihn an. »Du hast keine Ahnung, wer ich bin, nicht wahr?«, fragte er. Seine Stimme hatte diese wunderbare Mischung aus Sanftmut und Rauheit, die Wiebke sofort ansprach.